Montag, 13. April 2009

5. VO – 31. März 2009 – Ariel Muzicant

Mit etwas Verspätung, aber noch deutlich vor dem nächsten Termin am 21. April, nun der Bericht vom Gespräch Landesmanns mit IKG Wien-Präsidenten Ariel Muzicant. Dass es so lange gedauert hat, liegt aber sicher auch an der Unmenge an Informationen, die Muzicant in diesem Gespräch liefern konnte.

Über Muzicant

Muzicant begann sich ab dem 6-Tage-Krieg in Israel, als er etwa 15 Jahre alt war, für das Judentum zu interessieren und befassen. Der Holocaust, die Shoa, war in seiner Familie sehr wohl Gesprächsthema. Vor allem seine zwei Onkel, die sich 1938 in Wien befanden, in der Folge nach Rumänien flohen, überlebten und zurückkehrten, erzählten ihm von ihren Erlebnissen. Auch seine Eltern, die durch Flucht überleben konnten (sein Vater floh sogar bis China), erzählten ihm davon.

In der Schule, er besuchte das Lycée Francais in Wien, da die IKG nach 1945 alle jüdischen Schulen geschlossen hatte, und das Lycée als wenig antisemitisch im Vergleich zu normalen staatlichen Schulen galt, war er ein sehr neugieriger, kritischer Schüler, vor allem im Geschichtsunterricht. Persönliche Erfahrungen mit Antisemiten hatte er sehr wohl. Er prügelte sich etwa mal mit Nazis auf der Uni-Rampe in Wien.

Als IKG-Präsident wurde bisher zwei Mal, jeweils einstimmig, gewählt. 2002 setzte er die Kultussteuer aus (abschaffen geht von Gesetzeswegen nicht), seither stieg die Zahl der Eintritte in die IKG. Wohlhabendere Mitglieder zahlen 11 Euro Beitrag pro Monat, die übrigen werden um freiwillige Spenden gebeten.

Bei der Volkszählung 2001 rief er zum Boykott der Religionsangabe auf, da diese seiner Ansicht nach genau so wenig "erhoben" werden braucht, wie etwa die Zahl der Slowenen in Kärnten, "um dann weniger Ortstafeln aufstellen zu müssen". Dennoch haben sich rund 8.000 Personen zum Judentum bekannt, etwa 10.000 bis 15.000 können laut Muzicant jedoch noch dazugezählt werden.

Jüdische Identität in Österreich

Ob man als Jude in Österreich nun Österreicher, Jude oder Israeli ist? – Das muss sich jeder selber mit sich ausmachen, so Muzicant. Er selbst sieht sich jedenfalls als Österreicher und Europäer, mit Israel als geistiger Heimat. "Allerdings", muss Muzicant relativierend klarstellen, "Antisemiten unterscheiden da eh nicht". Er bekam im Zuge des Gaza-Krieges "tonnenweise Hass-Briefe", obwohl er ja natürlich nichts für die Entwicklung in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten kann. Er äußerte sich hierzu im Grunde nur insofern, als dass das Existenzrecht Israels außer Frage stehe. Dieses Recht ist wesentlicher Bestandteil seiner jüdischen Identität. Und wenn jemand wegen diesem von Muzicant öffentlich kundgetanen Bekenntnis aus der IKG austritt – was laut Muzicant auch geschah – dann sei das auch "besser so", weil dann muss er so jemanden nicht mehr vertreten.

Entwicklung der IKG nach 1945

Die Geschichte der IKG nach 1945 teilt Muzicant in zwei Abschnitte ein: Zuerst jene Phase, in der die wieder entstandene Gemeinde nach 1945 eine Art Auflösungspolitik betrifft, mit dem Hintergedanken, dass es nie wieder jüdisches Leben in Österreich, respektive Wien, geben könne. Da es aber bekanntlich auch nach 1945 jüdisches Leben in Wien gab, und bei aller Auswanderung immer wieder auch Zuwanderer und Rückkehrer eintrafen, kam es zwangsläufig zu einem Generationenkonflikt. Dieser fand etwa in den 70er-Jahren statt und führte letztlich bei den IKG-Vorstandswahlen 1981 zu einem Paradigmenwechsel. Statt jüdische Einrichtungen aufzulösen und Grundstücke zu verkaufen (so geschehen mit unzähligen Liegenschaften ehemaliger Bethäuser und Synagogen, vgl. Bob Martens, Katharina Kohlmaier: Was geschah mit den Grundstücken, auf denen sich Synagogen in Wien befanden? In: DAVID, Nr. 59, 2003, S. 29–35; siehe ebenfalls: Wikipedia: Liste jüdischer Andachtstätten in Wien), wollte die neue Generation nun wieder jüdische Einrichtungen eröffnen und verbliebene Besitztümer bewahren. Das umfangreiche IKG-Archiv und jahrhundertealte Urkunden waren freilich bereits unwiderbringlich nach Israel gebracht worden.

Die Wende innerhalb der IKG brachte eine Entpolitisierung mit sich. Statt ein Spiegelbild der israelischen Parteienlandschaft abzugeben, wurde Sachpolitik in den Vordergründ gerückt. Parteizugehörigkeiten traten in den Hintergrund und spielen heute kaum oder gar keine Rolle mehr. Dennoch kann man sagen, dass die IKG politisch überwiegend links der Mitte angesiedelt ist. Was auch immer das nun konkret bedeuten mag – um einen Kindergarten zu bauen, ist es egal, ob man links, rechts oder in der Mitte steht – so Muzicant.

Jüdische Gemeinde Wiens im europäischen Vergleich

Was das Wiener Judentum vom restlichen Europa unterscheidet? Der Zusammenhalt! Reform- und orthodoxes Judentum befinden sich in Wien unter einem Dach, jenem der IKG. Die IKG fungiert als Dachgemeinschaft aller jüdischen Strömungen, die in Wien vorhanden sind – was sehr viele sind. Jede Gruppe hat weitestgehende Freiheit. Lediglich Angelegenheiten, die das gesamte Judentum betreffen, werden von der IKG gehandhabt. Etwa das Familienrecht, Eintritte usw., wofür Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg zuständig ist, der wiederum als "sehr konziliant" gilt. Auch das Budget liegt natürlich bei der IKG, und hier ist laut Muzicant auch der einzige nennenswerte Reibepunkt vorhanden: Denn letztendlich haben alle Gruppen das Gefühl, zu wenig Geld zu bekommen. Was die unterschiedlichen Ausprägungen der Wiener Juden, in politischer, ideologischer, religiöser Hinsicht und nach geographischer Herkunft betrifft, so mögen diese verschiedenen Gruppen zwar ihre Eigenheiten und Unterschiede haben, doch aufgrund der Freiheiten unter dem Dach der IKG stört dies letztlich nicht den Zusammenhalt als eine Gemeinde, versichert Muzicant. Und dass es eine vielfältige, lebendige Gemeinde ist, lässt sich etwa auch an der Tatsache erkennen, dass es 14, 15 Beträume und 6 Rabbiner in Wien gebe (Muzicant).

Dass es in Wien eine jüdische Gemeinde gibt, in der alle verschiedenen Gruppen, wovon Orthodoxie und Reformjudentum vermutlich die am weitesten auseinanderklaffenden Richtungen sind, die miteinander reden kann, die nicht in verschiedene Blöcke auseinandergebrochen ist, das ist, so Muzicant, in Europa längst keine Selbstverständlichkeit mehr. So gebe es in Deutschland "überall Konflikte" und "in der Schweiz reden sie nicht mal mehr miteinander". Das mit der Schweiz kann ich übrigens, zumindest in Bezug auf Zürich, bestätigen. Zwar nicht aus eigener Erfahrung, aber durch in der ICZ (Israelitische Cultusgemeinde Zürich, so schreibt sich die) involvierte Personen.

Auch die Frage zur Aktivität und Offenheit der IKG und der öffentlichen Wahrnehmung, etwa im europäischen Vergleich, gab es interessante Aussagen. So gab es aus dem Publikum widersprüchliche Meldungen: Zuerst jene einer zugezogenen Person, die findet, dass die IKG eher eine verschlossene Gemeinschaft ist (Was Muzicant natürlich bestritt und eine Reihe von Beispielen brachte). Daraufhin kam dann eine Meldung einer Österreicherin, die etwa 30 Jahre in Deutschland, sowohl im Norden, als auch im Süden, lebte, und die die Wiener IKG wesentlich offener als deutsche Gemeinschaften empfindet. Zudem würde in Österreich, was sie erstaunlich findet, viel mehr über die IKG und Veranstaltungen mit jüdischer Kultur, von denen es laut Muzicant etwa 300 im Jahr gebe, in den Medien berichtet. Wenn die IKG in Österreich eine Pressekonferenz gibt, dann kommen die Medien und berichten auch darüber - etwas, was in Deutschland offenbar weniger der Fall ist.

Zum Thema Restitution

Nach 1945 haben Juden in Österreich "nicht hart genug gekämpft und gefordert" und sind höchstens "als Bittsteller" aufgetreten. Doch das darf man ihnen nicht vorwerfen, haben sie doch gerade den Holocaust überlebt und waren dadurch "zutiefst traumatisiert", wollten "einfach nur leben" (Muzicant).

Viele Österreich heute würden aber nicht verstehen, warum die Restitution nach 1945 "kein Thema" war, aber in den letzten Jahren sehr stark (Landesmann). "Stimmt nicht" (Muzicant) - Die Restitution war von Anfang an ein Thema. Doch nachdem die USA weniger Druck auf Österreich ausübten, da der Kalte Krieg, die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion, in den Vordergrund trat, ging die Sache nur schleppend oder gar nicht mehr voran. Viele Richter waren zudem ehemalige Nationalsozialisten, teilweise waren sie sogar selbst Ariseure (Muzicant). Dann war da auch die Nichtanerkennung der Zuständigkeit vonseiten Österreichs – das sich ja Jahrzehntelang als erstes Opfer Deutschlands, das keinerlei Verantwortung für die Ereignisse zwischen 1938 und 1945 trage, betrachtete (was die Republik Österreich allerdings nicht dazu bemüßigte, NS-Rechtssprüche in ihrer Gesamtheit als ungültig zu erklären, wie das etwa in anderen Ländern wie Dänemark geschah). Und ganz abgesehen von all dem: Jene Juden, die den Nationalsozialismus überlebten, taten dies nur in den wenigsten Fällen in Europa. Die meisten waren nach Nord- oder Südamerika geflohen, waren froh zu leben, und hatten natürlich kaum oder keine Ahnung über das Schicksal ihrer ehemaligen Besitztümer in Österreich. Sie bekamen ja auch keinerlei Information, Entschuldigung, Erklärung, Einladung oder sonst etwas vonseiten Österreichs. Restitution wurde als "Holschuld" betrachtet: Wer etwas zurückhaben will, muss nach Österreich und vor Ort den Rechtsweg bemühen. Da Juden bei der Flucht aus Österreich bekanntlich alles genommen wurde, insbesondere das Geld, kann man sich natürlich denken, dass nur wenige in den Jahren nach 1945 die finanzielle Kraft aufbringen konnten, in Österreich ein Gerichtsverfahren zu bemühen, was wiederum einiges an Mut erforderte, da die österreichische Rechtssprechung aus erwähnten Gründen für Juden sehr unvorteilhaft war.

Die Wende in den 90er-Jahren erfolgte im Zuge des Endes des Kalten Krieges. Viele Archive wurden geöffnet, Recherchen nach dem Schicksal von Raubkunst und anderen geraubtem Eigentum konnten leichter durchgeführt werden. Österreich hatte inzwischen eine gewisse Mitschuld am Nationalsozialismus akzeptiert, neue Informationstechnologien (Internet ab Mitte der 90er) erleichterten zunehmend die internationale Kommunikation und Zugang zu Quellen. Aus einigen Klagen entwickelte sich nun eine "Klagsflut", die aus den USA auf Österreich zukam. Aus diesem Druck heraus kam es 1998 zum Washingtoner Abkommen, in welchem sich Österreich zur Restitution verpflichtete. Die Rolle der IKG bei diesen Verhandlungen zwischen Österreich und den USA wurde übrigens zuerst nicht anerkannt. Erst nach einer Klage, die die IKG gewann, wurde sie als Verhandlungspartner mit Österreich und den USA zugelassen.

Insgesamt war und ist die österreichische Restitution dennoch dürftig. In der Regel werden nur 10 % des anerkannten Raubgutes restituiert, wobei grundsätzlich nie der tatsächliche Wert eines Gutes anerkannt wird. Als Beispiel nannte Muzicant ein Haus, das 10 Millionen Euro Wert ist. 6 Mio. € davon werden anerkannt, 600.000 € werden restituiert. Im Gegensatz dazu wurde wieder Dänemark genannt: 90 bis 95 % alles enteigneten Vermögens wurde dort restituiert, und zwar 1945.

So ergibt sich auch heute noch das Bild vom größten Raubzug der Geschichte, der 1938 bis 1945 im einstigen und heutigen Österreich stattfand. Auf damals 18 Milliarden Schilling wird der Umfang dieses Raubzuges geschätzt. Nimmt man als Beispiel die 63.000 Wohnungen, die ab 1938 in Wien "arisiert" wurden, und nimmt man für jede Wohnung eine Ablöse von heute realistischen 50.000 Euro an, so ergibt allein das etwa 3,1 Milliarden Euro.

Zur Waldheim-Affäre

Der Blick Muzicants auf Waldheim unterscheidet sich in einigen Punkten wesentlich von jenem von Georg Markus, jenem der bisherigen vier Gäste, der sich am ausführlichsten über Waldheim geäußert hatte. Während Markus die Waldheim-Affäre lieber nicht so "aufgebauscht" gesehen hätte, da diese "übetriebene" Anti-Waldheim-Kampagne schließlich auch antisemitische Ressentiments geschürt und rechten Politikern Zustrom gebracht hätte, ja sogar "die Straches von heute" ermöglicht hat, sieht Muzicant diese Geschichtsepoche fast komplett gegensätzlich.

Die Waldheim-Affäre war "das beste, was diesem Land passieren konnte", so Muzicant. Sie hat alte Krusten aufgebrochen und endlich eine Zivilgesellschaft in Österreich hervorgebracht. Eine große Gruppe von Menschen, die sich seither kritisch mit der österreichischen Vergangenheit befassen, war zumindest indirekt die Errungenschaft dieser Affäre. Dass durch das mediale Aufblasen der Affäre, samt US-Einreiseverbot für Waldheim, antisemitische, rechte Reaktionen hervorgerufen werden, ist natürlich nicht verwunderlich. Aber die Vorteile, die diese Affäre gebracht hat (Stichwort Zivilgesellschaft, kritisches Befassen mit der Vergangenheit) überwiegen die Nachteile, in Form rechter Reflexe, die ebenso diese Affäre begleiteten.

Waldheim erhielt sein Einreiseverbot im Übrigen nicht wegen seiner Zeit als Wehrmachtssoldat, sondern wegen seinem konsequenten Leugnen, das er so lang betrieb, bis alles bewiesen war. So etwas sein in den USA unverzeihlich. Dieser Mentalitätsunterschied zwischen den USA und Österreich, wo ja das Leugnen quasi Volkssport ist, habe natürlich auch das Seine zum Unverständnis der US-Kritik an Waldheim beigetragen.

Kreisky und Wiesenthal

Was gibts neues zu Kreisky? Nun ja - erneut Aussagen, die ein komplett konträres Bild zur etwas schöngezeichneten Version Markus' bringt. Kreisky habe so einen "intensiven Hass" auf seine jüdische Herkunft gehabt, die er nie überwunden hat (so Muzicant). Und zur Relativierung, Kreisky habe seine jüdische Herkunft doch nie geleugnet: Ja natürlich hat er das nicht, denn wie soll er das denn auch abstreiten (Muzicant, sinngemäß). Aber das ändert nichts daran, dass er ein "gestörtes Verhältnis zum Judentum" hatte. Und die Aussage, dass Juden ein "mieses Volk" seien (welche Markus ja als unwahr bezeichnete), habe Kreisky zweifellos gesagt, jedoch in einem bestimmten Bezug, nämlich als Antwort auf eine Aussage, in der Juden als Volk bezeichnet wurden: "Wenn die Juden ein Volk sind, dann ein mieses".

Im Zuge der Anschuldigen Kreiskys gegen Wiesenthal, er habe mit den Nazis kollaboriert (Kreisky-Peter-Wiesenthal-Affäre), woraufhin Wiesenthal Kreisky wegen übler Nachrede verklagte (dem ganzen voraus gegangen war übrigens die Aufdeckung der NS-Vergangenheit des Kreisky-Ministers Peter durch Wiesenthal), gab es, aus heutiger Sicht wohl eher unerwartet, viele (ältere) Stimmen in der IKG, die sich über Wiesenthal echauffierten. "Wie kann er das nur machen" (so Muzicant über die damalige Stimmung) - nämlich, dass Wiesenthal sich solche Konfrontationen gibt. Grund für diese Stimmung war eben die vor allem bei Kriegsüberlebenden vorherrschende Ansicht, man solle als Jude in Österreich einfach ruhig und unaufdringlich leben. Doch die jüngere Generation sah das eben anders - der Paradigmenwechsel, wie weiter oben beschrieben, kündigte sich an. Ihre Meinung war, dass man ohne eigenständige Position in Österreich keine Existenzberechtigung hat. Sich zu verstecken, ist der falsche Weg.

Es sei jedenfalls als großer Erfolg der IKG zu werten, dass sie bei jeder wichtigen Affäre (Kreisky, Waldheim) eine "klare Position" gehabt habe. Denn dadurch wird die IKG gehört, öffentlich wahr und ernst genommen. Das sei im übrigen auch eine Schwachstelle bei der bzw. den muslimischen Glaubensvertretungen, nämlich dass sie keine starke Führung, jedenfalls keine repräsentative Führung habe.

Unterschied zwischen jüdischer und muslimischer Integration und Glaubensvertretungen

Ein Beispiel für die im letzten Satz getroffene Aussage, nämlich der mangelhaften Organisation der muslimischen Glaubensvertretungen in Österreich, sei laut Muzicant die Religionslehrer-Debatte, die jüngst geführt wurde. Anlass war bekanntlich eine Umfrage eines muslimischen Studenten unter muslimischen Religionslehrern, bei der bei einem Viertel demokratiefeindliche Positionen festgestellt worden sein sollen. Die Studie wurde medial heftig diskutiert, teils auch angezweifelt. Forderungen nach einer Änderung der Gesetze bezüglich Religionslehrerausbildung wurden laut, jedoch vom zuständigen Bildungsministerium nicht wirklich ernst genommen. Als sich dann die IKG, Muzicant, zu Wort meldete, dass die Religionslehrerausbildung kein muslimisches, sondern ein generelles Problem in Österreich sei, habe er zunächst Verwunderung ausgelöst. Doch es sei auch bei jüdischen Religionslehrern oft so, dass sie kaum deutsch könnten und bei mangelhaft ausgearbeiteten Umfragen möglicherweise ebenfalls Antworten kämen, die mit der Demokratie in Konflikt stünden. Auch durch solche Positionen, die nicht bloß jüdische Interessen, sondern generell österreichische, betreffen, verschafft man sich Gehör.

In anderen Fällen treten muslimische Glaubensvertreter sogar aktiv an die IKG heran, um sie um Hilfe in religiös-politischen Debatten zu bitten. So gab es etwa Bedarf bei Regelungen für das religiöse Schächten, also speziellen, religiöse Gesetze beachtenden Schlachtmethoden (vollständiges ausbluten lassen, etc.). Aber auch das sei keine rein muslimische Frage gewesen und erst gemeinsam mit der IKG konnte man da mit der Politik zufriedenstellende Lösungen finden (mit Details kann ich hier leider nicht dienen; Muzicant erwähnte dies lediglich kurz als Beispiel). Jedenfalls scheint es Verbesserungsbedarf bei den muslimischen Glaubensvertretungen zu geben. Es gibt eine Reihe von Vertretungen, die unterschiedliche Positionen vertreten. Eine richtige Dachgemeinschaft, vergleichbar mit der IKG, gibt es trotz der staatlich anerkannten Islamischen Glaubensgemeinschaft unter Anas Schakfeh nicht. Diese hat nur wenige Tausend Mitglieder und wird von anderen islamischen Glaubensgemeinschaften in Österreich nicht als oberste Vertretung akzeptiert.

Schließlich noch zur Frage, wie es sein kann, dass in den letzten Jahrzehnten, als tausende Juden aus dem Osten, die kein Wort deutsch konnten, nach Wien kamen, bis heute zumeist bestens integriert sind und ihre Kinder vielfach Universitätsabschlüsse vorweisen, während dies bei muslimischen Zuwanderern nur viel seltener gelingt (es gibt Studien über Akademikerquoten, Schulabschlussquoten etc. nach Herkunft und Religion, die dies darstellen).

Muzicant hat "keine Ahnung" warum, er würde es selbst gern wissen. Es sei zwar ein Klischee, jüdische Gelehrsamkeit und so, aber er nehme es auch selbst oft war, etwa wenn ein Kind osteuropäischer Zuwanderer innert kürzester Zeit einen Doktortitel an der Wirtschaftsuniversität erwerben. Vielleicht liegt es daran, so Muzicant, dass es oft mehr Anreiz zum lernen und integrieren gibt. Möglicherweise gibt es "einen Druck, sich als jüdische Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft zu behaupten, zu integrieren"

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