Mittwoch, 1. Juli 2009

Resümee

Die Prüfung wurde, wie ich so den Eindruck gewonnen habe, überwiegend äußerst positiv absolviert :) Viele haben am Tag der Prüfung sowie am Vortag nochmals in den Blog geschaut (120 Aufrufe am Montag, 104 Aufrufe, überwiegend vor 11 Uhr vormittags, am Dienstag :)) Danke auch für diverse Löbe (Plural von Lob?), die ich bekommen habe. Es war gar nicht so leicht, zu jedem Gast einen halbwegs guten Bericht zu schreiben, zumal einem die Lücken, Dinge, die einem für einen flüssigen Text fehlen, oft erst im Nachhinein bemerkt (und während der Gespräche kann ich auch nicht alle drei Minuten eine Zwischenfrage stellen, dass würde ich mir nicht anmaßen). So kommen also immer wieder Absätze, Sätze, Formulierungen vor, wo man sich sagen kann: Ja, schön und gut, aber wie heißt nun eigentlich die Frau von Herrn X, jetzt, wo wir gerade erfahren haben, wie seine Eltern, seine Kinder, seine Onkels und Tanten und seine Haustiere heißen. Das Problem in so einem Fall ist dann nicht, dass ich es vergessen habe (höchstens insofern, dass ich während der LV nicht nachgefragt hab), sondern, dass ich es einfach nicht weiß oder, kann auch passieren, überhört hab.

In diesem Sinne verstehe ich sehr gut, was Oscar Bronner meint, wenn er sagt, er selber kann oder will nicht (mehr) wirklich journalistisch schreiben. Also können tut er es zweifellos, wie man vor allem an den frühen Jahren seiner Karriere bemerkt, aber seit er es sich leisten kann, Journalisten zu beschäftigen, verzichtet er offenkundig gerne darauf. Und zwar aus dem Grund, dass er, wenn er an einer Story recherchiert, unmöglich mit dem recherchieren aufhören kann, so lang etwas essenzielles unklar, unbestätigt oder unvollständig ist (das hat er entweder hier gesagt, oder ich habs in einem Interview bzw. Biografie-Ausschnitt gelesen). So kann man bei einer Tageszeitung natürlich unmöglich arbeiten, bei jenem Zeitdruck, der heute wohl noch mehr als früher vorherrscht. In diesem Sinne muss man, will man dennoch tagesaktuell arbeiten, Unvollständigkeiten in Kauf nehmen, und, auch wenn man es sicher nicht gern zugibt, Ungenauigkeiten, Schlampereien riskieren. Nicht dass das hier meine Ideologie gewesen wäre: Ich habe an jedem dieser Postings etwa zwei Stunden, an vielen sogar drei, vier oder - weil auf mehrere Tage aufgeteilt - noch mehr Stunden gearbeitet. Tendenziell immer so lange, bis ich keine Lücken mehr durch Internetrecherchen stopfen konnte. Lücken, die leider so aus den Gesprächen übernommen werden mussten. Auch das zitieren war nicht immer einfach: Da ich nicht stenografieren kann, war es schwer, mehr als eine Hand voll Aussagen im O-Ton wieder zu geben. Wenn ich mir bei einem Zitat unsicher war, habe ich es in der Regel als indirektes Zitat oder sinngemäß wiedergegeben.

Was das Resümee betrifft: Ich habe mir ursprünglich gedacht, am Ende einen Überblicksbeitrag zu erstellen, in denen sämtliche Schwerpunkte der LV, Kontinuitäten bei den Gesprächsgästen, nach Themen sortiert zusammenzufassen. Also was hat A über Kreisky gesagt, was B, was C usw. Allerdings wäre das etwas viel Aufwand, zumal die Prüfung ohnehin bereits geschlagen ist und auch sonst nicht wirklich eine Notwendigkeit, geschweige denn ein Publikum, dafür besteht. Immerhin: Obwohl die LV mittlerweile vorbei ist, krieg ich täglich noch 5 bis 10 Aufrufe, hauptsächlich aufgrund von Suchmaschinen-Treffern.

Nur eines möchte ich abschließend noch festhalten: Ich hoffe sehr, dass es eine Fortsetzung dieser Gesprächsreihe gibt, schon alleine aufgrund jener großen Gäste, die leider, aus welchen Gründen auch immer, entgegen der Ankündigung nicht kommen konnten: Ruth Beckermann, Paul Lendvai, Ioan Holender.

Doch es gäbe noch viele andere Persönlichkeiten, die als interessante Gesprächsgäste infrage kommen können. Etwa Karl Pfeifer, jene beeindruckende Kämpfernatur, die derzeit im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands tätig ist, und der in seinen Prozessen gegen rechte Diffamierungen von Gabriel Lansky vertreten wurde.

Oder Eric Pleskow, der 1938, 14-jährig, Österreich verlassen musste und als Soldat der Army bei der Befreiung Österreichs und der darauffolgenden Entnazifizierung mitwirkte. Er führte, so die Wikipedia, auch Verhöre mit Ex-Nationalsozialisten. War er es, von dem Friedrich Peter so beeindruckt war, dass sämtlicher Antisemitismus aus ihm verflogen sei? (Friedrich Peter, FPÖ-Vizekanzler unter Kreisky, sagte Landesmann einmal, er sei bei einem Verhör nach Kriegsende von einem jüdischen US-Offizier geohrfeigt worden, was ihn dermaßen beeindruckt habe, dass er vom Antisemitismus befreit worden sei) Plescow wurde schließlich Filmoffizier, fasste Fuß in der US-Filmindustrie, produzierte unter anderem Woody Allens großartigen Stadtneurotiker und kehrte erst im Alter erneut nach Österreich zurück, wo er seit 1998 die Viennale leitet.

Die absolute Sensation wäre aber wohl, könnte Peter Kreisky, der Sohn Bruno Kreiskys, über den wir dieses Semester beinahe wöchentlich ausführliche Erzählungen zugetragen bekommen haben, persönlich diese Vorlesung beehren und von seinem Vater erzählen. Fragt sich nur, ob er dazu bereit wäre.

Etwas schwieriger wäre es wohl, den ORF-Korrespondenten in Tel Aviv, Ben Segenreich, an die Wiener Uni zu bekommen. Er wäre neben Danielle Spera einer der wenigen, der nach 1945 geboren worde – er besuchte wie Spera das Französische Lyzeum in Wien, damals, so Muzicant, eine beliebte Alternative zu den geschlossenen jüdischen Schulen – und, im Gegensatz zu Spera, 1983 nach Israel auswanderte. Anders als Ronald Barazon, der, wie viele österreichische Juden, im Exil in Tel Aviv geboren wurde, nach Kriegsende aber das österreichische Klima (nicht unbedingt im politischen Sinn) jenem Israels vorgezogen haben dürfte. Laut Torberg soll ja Marcel Prawy, der, würde er noch leben, ebenfalls einen guten Gesprächspartner abgeben würde, einmal, angesprochen auf den Sechs-Tage-Krieg (oder war es ein anderer Krieg?) und seine Verpflichtung, als Jude für Israel zu kämpfen, gesagt haben: "Ich bin Wiener, was mach ich in der Wüste?" (so ähnlich jedenfalls) Auch Barazon absolvierte übrigens das Lycée Francaise.

Aus dem Kunstbereich wäre Andre Heller sicherlich ein interessanter Gesprächspartner. Er hat wie Otto Schenk väterlicherseits jüdische Wurzeln und wurde 1947 in Wien geboren. Mir als Filmfreund und Torberg-Verehrer ein besonderes Anliegen wäre aber auch Wolfgang Glück, der dieses Jahr seinen 80. Geburtstag feiert. Von ihm stammen etwa die Torberg-Verfilmungen Der Schüler Gerber und 38 – Auch das war Wien. Was ich bisher nicht wusste, aber in einem Standard-Interview angesprochen wurde: Auch Glück stammt aus einer jüdischen Familie. Wie er zwischen 1929 und 1947, jenem Jahr, in dem in sämtlichen Internet-Quellen seine Biografie begint, unter diesen Umständen gelebt hat, ist im Internet nicht dokumentiert. Eine Biografie existiert meines Wissens nach auch (noch) nicht.

Bleiben wir bei der Kunst. Was viele bis zu jenem ORF-Bericht vielleicht nicht wussten (es spielt ja an und für sich auch keine Rolle), der Pop-Musiker Billy Joel hat jüdische Eltern. Was vermutlich noch weniger wussten: Sie stammten aus Deutschland. Und was jetzt aber wirklich niemand gedacht hätte: Billy Joels Vater, Helmut (Howard) Joel, lebt in Wien. Sein zeiter Sohn aus zweiter Ehe, Alexander Joel, ist Pianist und Dirgent und lebt, so Wikipedia, ebenfalls in Wien. Was die wohl zur jüdischen Identität in Österreich sagen würden?

Und was ist eigentlich mit Georg Kreisler? Gibt der noch Konzerte? Unglaublich – mit gefühlten 100 Jahren (er ist jetzt 87, gut, Zadek ist älter!) noch Konzerte geben: das letzte von dem ich weiß war 2004, aber vielleicht gab es danach noch welche?

Man könnte nun sicher noch einige weitere mehr oder weniger bekannte jüdische Persönlichkeiten aufzählen, die in Österreich leben, aber jene, die mir am bekanntesten sind (und noch nicht da waren), habe ich nun erwähnt. Wobei es vermutlich noch andere Persönlichkeiten gibt, von denen öffentlich nicht oder kaum bekannt ist, dass sie Juden sind. Wolfgang Glück wäre vermutlich so jemand – jedenfalls ist mir keine Biografie bekannt, in der diesbezüglich etwas erwähnt wird. Es gibt sicher auch einige mehr oder weniger in der Öffentlichkeit stehende Personen, die öffentlich nicht unbedingt über ihre jüdische Identität plaudern wollen, sei es, weil sie ihre Religion als Privatsache nicht in die Öffentlichkeit tragen wollen, oder weil sie vielleicht, wie etwa Charles Lewinsky (Buch: "Ein ganz gewöhnlicher Jude") meint, nicht als "Ausstellungsobjekt" irgendwas über Judentum erzählen wollen.

Wie auch immer: Ich fand diese Lehrveranstaltung sehr aufschlussreich, ich habe sehr viel neues erfahren – vor allem über Bruno Kreisky ;-) Ich hoffe, es gibt eine Fortsetzung. Bis dahin, au revoir.

Dienstag, 16. Juni 2009

Internes

Hallo liebe Leser! Ich entschuldige mich hier erst mal dafür, dass ich die letzten zwei, seit heute drei, Gespräche noch nicht für den Blog bearbeiten konnte. Es liegt natürlich, wie unschwer zu erraten ist, daran, dass im Juni einige Arbeiten und Prüfungsvorbereitungen für andere Vorlesungen und Übungen fällig bzw. akut werden. Ich werde mich aber bemühen, noch diese Woche die ausstehenden drei Berichte zu erarbeiten, schließlich ist nächste Woche, 23. Juni, bereits die Prüfung.

Wie ihr sicher alle wisst, ich erwähne es hier dennoch, ist sie mündlich und findet zur üblichen Zeit, also ab 11.15 Uhr statt. Die Prüflinge werden voraussichtlich in kleinen Gruppen in den Raum gebeten, um in wenigen Minuten ein paar Fragen bezüglich Österreich und jüdischer Identität zu beantworten. Es wird jedenfalls nicht um persönliche Details oder Lebensläufe, wie ich sie hier interessehalber durchaus nicht unausführlich nach besten Möglichkeiten nachgezeichnet habe, gehen. Wer hier seine Erinnerungen an die Gesprächsteilnehmer auffrischen möchte, sollte sich wohl an den Absätzen über jüdische Identität orientieren.

Des weiteren scheint nicht nur das Gespräch mit Ruth Beckermann, Schriftstellerin (u.a. "Die Mazzesinsel") und Dokumentarfilmerin (u.a. "Zorros Bar Mizwa") zu entfallen, sondern auch jenes mit Paul Lendvai, Publizist und Osteuropaexperte, was ich sehr bedaure, sind doch beide sehr bekannte und interessante Persönlichkeiten.

Ebenfalls möchte ich an dieser Stelle gerne noch mal jene von Herrn Landesmann vor einigen Wochen getätigte Aussage wiedergeben, dass er nach Möglichkeit in vielleicht zwei Jahren eine Fortsetzung dieser Gesprächsreihe durchführen wird, da sie augenscheinlich auf großes Interesse gestoßen ist. Der Vorlesungssaal mit seinen 40 Plätzen war zumeist überbelegt, mit Spitzen von knapp 60 interessierten Besuchern bei Danielle Spera, Georg Markus und Oscar Bronner.

Soweit fürs erste – ich muss jetzt weiter, in die Bibliothek, für meine Semesterarbeit in Publizistik, die bald fällig wird, recherchieren :)

12. VO – 16. Juni 2009 – Hilde Zadek



Hilde Zadek, die als Opernsängerin (Sopran) an der Wiener Staatsoper Karriere machte, wurde 1917 in Posen, damals Deutschland, geboren. Sie hat zwei jüngere und zwei ältere Schwestern. Mit 91 Jahren ist sie der älteste Gast, den Landesmann im Rahmen dieser Gesprächsreihe begrüßen durfte.

Kindheit, Jugend, Emigration

Sie war 16, als sie 1934 als Jüdin die Schule verlassen musste. Die Vorgeschichte war jedoch anders, als in vielen anderen Fällen. Denn mit Beginn der Nazi-Herrschaft in Deutschland, der den Antisemitismus zur Staatsideologie erklärte, wurde es für Zadek zusehends unangenehmer in der Schule. Als eines Tages im Turnunterricht eines der Mädchen „es stinkt nach Juden“ sagte, platzte ihr der Kragen: Sie schlug dem Mädchen die Vorderzähne aus. Darauf hin hatte sie sofort die Schule zu verlassen, bevor sie womöglich von Nationalsozialisten aus der Schule abgeholt würde.

In Deutschland einer aussichtslosen Zukunft entgegenblickend, verließ sie 1935 Deutschland in Richtung Palästina. Dort ließ sie sich als Säuglingsschwester ausbilden, als welche sie bis 1939 in Jerusalem arbeitete.

Ihre Eltern erlebten 1938 die „Kristallnacht“, in welcher ihr Vater, der ein Schuhgeschäft in Stettin besaß, verhaftet wurde. Nun sahen auch die Eltern keinen anderen Ausweg mehr, als die Emigration. Hilde konnte ihren Eltern ein Visum beschaffen. Ihr Vater kam nur unter der Bedingung aus dem KZ frei, wenn er nicht nur sofort das Land verließe, sondern auch sämtliches Vermögen bis auf 10 Mark zurückließe. Mit 10 Mark pro Person reisten also Hildes Eltern sowie ihre zwei jüngeren Schwestern nach Palästina nach. Lediglich "wertlose" Möbelstücke und Kleidung durfte die Familie in gewissem Ausmaß mitnehmen.

Der KZ-Aufenthalt des Vaters, darüber wurde auch geredet, zu Hause. Er erzählte, dass er sich sofort als Schreiber gemeldet habe, im Büro auf einem Klappbett schlafen konnte, und im Gegenzug jede erdenkliche Arbeit für seinen Vorgesetzten machte. Dadurch hatte er vergleichsweise gute Haftbedingungen.

In Jerusalem mit leeren Händen da stehend, eröffnete die Familie mit dem Know-How ihres Vaters und dem Kundenstamm von Hilde, die als Säuglingsschwester bzw. Kinderpflegerin über zahlreiche glückliche Mütter in ihrem Bekanntenkreis verfügte, ein Schuhgeschäft in Jerusalem. Das Geschäft war winzig und nur wenige Quadratmeter groß, doch der Absatz entwickelte sich prächtig. Schon nach einem Jahr übersiedelte der neue Laden in die Hauptstraße. Mit dem so dazuverdienten Geld finanzierte sich Hilde ein Studium am Konservatorium, wo sie sich zur Sängerin ausbilden ließ. Dieses Studium, dass sie wegen des Arbeitens überwiegend am Abend, von 19 bis 22 Uhr, absolvierte, schloss sie 1945 ab.

Rückkehr nach Europa

Als sie das Konservatorium abgeschlossen hatte, wollte sie ehestmöglich nach Europa zurück, um ihren Wunsch, Opernsängerin zu werden, erfüllen zu können. In Palästina ging das damals ja nicht. Sie schrieb Universitäten in New York, Paris, London und Zürich an, bezüglich eines Stipendiums – das Konservatorium hat sie ja mit Auszeichnung abgeschlossen. Aus Zürich kam sodann ein positiver Bescheid, und Zadek machte sich auf den Weg. Über Alexandria konnte sie mit einem englischen Schiff nach Toulon, dem Mittelmeerhafen der französischen Marine, reisen, bezahlt hatte sie mit Singen. Von dort führten nur überfüllte Züge nach Marseille, wo sie hin musste, um über Lyon weiter nach Zürich zu reisen.

In Palästina hatte ihr jemand einen Brief mitgegeben, als sie ihre Reise nach Zürich verkündete. Der Briefverkehr zwischen Europa und Palästina war nach Kriegsende für ein halbes Jahr nahezu unmöglich. Sie hatte in Zürich eine Telefonnummer zu wählen, um eine Übergabe des Briefes zu ermöglichen. Die Briefe waren vom Vater der in Zürich lebenden Frau, er konnte schon seit längerem kein Lebenszeichen mehr von sich aus Palästina senden, wegen des zum erliegen gekommenen Postverkehrs. Diese Frau war Renate Langhoff, Frau des aus Deutschland geflohenen Regisseurs Wolfgang Langhoff. Als die beiden Frauen ins Gespräch kamen, erzählte Renate von Problemen mit ihrem Sohn (einer ihrer Söhne), und Hilde bot an, ihr ihre Erfahrung in der Kinderbetreuung zugute kommen zu lassen. So kam es, dass Hilde, die ohnehin noch keine Ahnung hatte, wo sie in Zürich leben sollte, in die Villa der Familie in Zürich ziehen durfte.

Bei einem privaten Auftritt in einer Zürcher Wohnung wurde der Direktor der Wiener Staatsoper, Franz Salmhofer, auf sie aufmerksam. Dieser bot ihr einen Auftritt in Wien an, doch bis eine Reise nach Österreich zustande kam, dauerte es noch bis 28. Jänner 1947, wohl weil sie nicht die österreichische Staatsbürgerschaft besaß. Sie benötigte 13 Stempel, alleine, um von Salzburg nach Wien zu reisen (lag wohl an den verschiedenen Besatzungszonen). Bereits fünf Tage später, am 3. Februar 1947, sang sie Aida von Giuseppe Verdi, auf italienisch versteht sich, obwohl sie kein Wort italienisch sprach und kaum fünf Tage Zeit hatte, sich auf die Rolle vorzubereiten. Der Auftritt war ein voller Erfolg, und es folgten weitere Auftritte, die sie ohne wirkliche Probe spielte.

Im Sommer 1948 sollte sie an den Salzburger Festspielen auftreten, doch ihr Pass stammte noch aus der Mandatszeit des britischen Palästina und lief mit der Staatsgründung Israels aus. Um in Salzburg auftreten zu können, brauchte sie jedoch einen (österreichischen?) Pass, jedenfalls irgendwas, um sich ausweisen zu können, auf der Reise durch die Besatzungszonen. Also geschah es, dass sie, wie unlängst auch Anna Netrebko, per Ministerratsbeschluss Österreicherin wurde.

Als Jüdin an der Staatsoper

Sie war die erste Jüdin an der Wiener Staatsoper, so Zadek. Bei einem ihrer ersten Auftritte planten einige Jugendliche (in der Staatsoper?) sie auszupfeifen. Die Jugend von damals, so Zadek, wuchs ja mit der Nazi-Indoktrination auf, sie kannten Juden ja nur so, wie sie es ständig von Lehrern oder aus der Propaganda gehört hatten: Juden hätten eine große Nase, seien klein, hässlich, stinken usw. Aber als sie nun Zadeks Auftritt sahen, wurden sie schnell eines besseren belehrt. Nach dem Auftritt sollen sie gesagt haben „Wir wollten Sie ja auspfeifen, aber dann sind wir in die Knie gegangen“.

Zadek hatte jedenfalls nie Schwierigkeiten als Jüdin an der Staatsoper. Sie habe dort keinen Antisemitismus wahrgenommen, weder unter den Kollegen, noch im Publikum. Sie entsprach, wie sie ebenfalls anmerkte, auch nicht den jüdischen Klischees.

Mit der Bevölkerung gab es schon eher Probleme. Als sie die Sieglinde Hunding aus Wagners Walküre singen sollte, bekam sie einen Schmierzettel aufs Auto: „Wir brauchen keine Sarah Hunding“ – in Anspielung auf die Nazi-Einträge in Pässen von Juden, wo alle Männer zusätzlich den Vornamen „Israel“ bekommen haben, und alle Frauen „Sarah“. Zudem gab es phasenweise antisemitische Anrufe, woraufhin sie ihr Telefon überwachen ließ.

Wie sie den Antisemitismus in Österreich heute beurteilt? Das könne sie nur wenig beurteilen, so Zadek, da müsse sie zugeben, dass sie „auf einer Insel“ lebe. Indirekt wisse sie aber, dass es einen starken Antisemitismus gibt. „Ich glaube, Antisemitismus hat nie aufgehört, der war immer da, wird immer bleiben.“

Familie

Was ihre Familie betrifft: Ihre beiden jüngeren Schwestern verließen Palästina 1946 Richtung USA, um es sich mal gut gehen zu lassen. Sie legten den wohlgemeinten Rat der Eltern jedoch etwas umfassender aus, und heirateten bereits nach einem Jahr, bekamen Kinder und blieben dort. Daraufhin hielt auch die Eltern nichts mehr in Palästina/Israel, und sie zogen nach.

Vom einstigen Besitz in Deutschland bekam die Familie nichts zurück. Die Eltern mussten sich alles wieder neu aufbauen. Erst spät bekamen sie von der deutschen Regierung eine „Wiedergutmachung“. Davon haben sie sich schließlich ein Häuschen mit Garten gekauft und „ein schönes Alter“ verbracht.

Die beiden älteren Schwestern dürften bereits früher in die USA ausgewandert sein, sie haben sich in Seattle niedergelassen.

Identität

Hilde selbst blieb aus beruflichen Gründen in Wien. „Ich bin sehr, sehr glücklich in Wien und würde es nicht verlassen“. Sie wollte aber dennoch ihre Verbindung zu Israel verstärken, wo sie immerhin von 1935 bis 1945 zehn prägende Jahre verbracht hat. Sie gab in Wien Gesangsunterricht und hatte dabei die Gelegenheit, von einer ihrer Schülerinnen Ivrit zu lernen. Bis dahin sprach sie die Sprache kaum, denn im Schuhgeschäft in Jerusalem kam man mit wenigen Worten aus, und damals sprachen generell die meisten Menschen noch die Sprache ihres Herkunftslandes und blieben eher unter sich: Russen, Polen, Deutsche/Österreicher waren die größten Gruppen.

Während ihre Geschwister in den USA „tiefe Wurzeln“ geschlagen haben und „waschechte Amerikaner“ wurden, lebe sie bereits „62 Jahre hier und spreche immer noch nicht wienerisch“ – schließlich habe sie bis 16 in Deutschland gelebt. Ihre besten Freunde habe sie in Israel, wo sie „zwischen 17 und 27 die wichtigste Zeit des Lebens verbracht“ hat.

Israel einst...

Nachdem sie Ivrit gelernt hatte, wollte sie auch ein Haus in Israel. Zufällig besaß in ihrem Bekanntenkreis jemand ein Grundstück in Jerusalem, das er verkaufen wollte. Die Lage sei ausgezeichnet, am Rande des Zentrums von Jerusalem, an einem Hang. Ohne das Grundstück zu besuchen – sie hatte viel zu tun – suchte sie sogleich nach einem Architekten. Sie erinnerte sich an einen, den sie bei einer Veranstaltung in der israelischen Botschaft traf, und der ihr sehr sympathisch in Erinnerung geblieben war. Den Namen hatte sie jedoch vergessen. Sie erkundigte sich und würde auch fündig. Doch der Architekt sagte, er sei bereits in Pension und habe zudem sein Leben lang nur Banken und Polizeigebäude gebaut. Trotzdem: „Bauen Sie mir ein Haus!“ Das war etwa Anfang 1965, und der Architekt bekam den Auftrag, das Haus so zu bauen, wie es ihm gefallen würde, müsste er selbst darin wohnen. Der Architekt arbeitete gewissenhaft an diesem Auftrag und präsentierte Zadek immer wieder Modelle. Zadek war begeistert und der Bau wurde in Auftrag gegeben. Schließlich wurde das Haus fertig, Zadek reiste nach Jerusalem und bezog ihr noch nie gesehenes Haus auf einem nie betretenen Grundstück am 7. Juli 1965. Der Architekt hieß übrigens Hoffmann.

...und heute

Doch vieles habe sich seither in Jerusalem verändert. Es gibt „so viele Bestimmungen“, und Zadek mag es gar nicht, viele Bestimmungen beachten zu müssen. Etwa, dass man am Schabbad nicht baden darf. Zadek hat ihr Haus in Jerusalem jedenfalls später wieder verkauft und ein neues bei Tel Aviv gekauft.

Was sie zur gegenwärtigen Situation in der israelischen Politik zu sagen habe? Bereits beim Namen des neu gewählten Präsidenten empört sich Zadek fürchterlich: „Also, dass der Bibi heißt, ist schon unmöglich. Wie kann man als Staatspräsident so heißen, sich so nennen lassen? Noch dazu als Mann!“ Sie selbst halte jedenfalls nichts von der israelischen Rechten, sie selbst sei ja damals auch nicht nach Palästina gegangen, weil sie Zionistin ist, sondern weil es die einzige Möglichkeit war.

Sie sei sehr dafür, dass es ein eigenständiges Palästina gibt, also eine Zweistaatenlösung, aber sie glaube gleichzeitig auch nicht, dass das die Probleme löst. Dann würde halt der Staat Palästina gegen den Staat Israel kämpfen, so Zadek. „Ich glaube, dass der Hass, der heute in die palästinensischen Kinder geimpft wird, einen Frieden nicht zulassen wird.“ Aber Deutschland und Frankreichen trugen auch über Jahrhunderte eine erbitterte Feindschaft aus, bevor sie die EU (den Vorgänger dazu) gründeten, wirft Landesmann ein. Das könne man nicht vergleiche, meint darauf Zadek. Die Mentalität der beteiligten Völker sei eine andere.

Überall wo Juden hinkämen, seien sie so begabt und fleißig, dass sie den Christen die besten Plätze wegnähmen. Sie erarbeiteten sie sich zwar hart und bekämen nichts geschenkt, doch letztendlich seien sie vielen Christen ein Dorn im Auge. Im arabischen Raum findet das ganze auf einer anderen Ebene statt: Für viele Araber sei Israel ein Dorn im Auge, so Zadek.

Politik

Zadek: „Ich bin ein völlig unpolitischer Mensch und habe nichts mit Politik zu tun“ Landesmann erstaunt: Sie habe sich doch stets von Politikern hofieren lassen und in deren Gesellschaft sehen lassen. „Betreuen lassen ja, aber das ist kein Engagement“ Sie gehe wählen, „selbstverständlich“, und zwar „die Sozialisten“, woraus sie keinen Hehl machen möchte. Privat habe sie sich einst auch mit Kreisky und Wiesenthal (wohl separat) getroffen.

Judentum

„Ich bin eine ganz ganz treue Jüdin, eine sehr bewusste Jüdin. [...] Aber ich bin keine Jüdin nach den Gesetzen der Synagoge.“ Sie lebe nicht nach den Riten, mit der IKG habe sie auch keinen Kontakt. Deswegen sei sie aber eine genau so gute Jüdin, wie jede andere auch. Warum sie keinen Kontakt mit der IKG hat? „Ich finde, die Kultusgemeinde müsste Kontakt mit mir haben, nicht umgekehrt. Ich zahle seit 60 Jahren die Beiträge“ Jeder Erlagschein, den sie von der IKG zugeschickt bekomme, zahle sie ein.

11. VO – 9. Juni 2009 – Gabriel Lansky



Gabriel Lansky ist Anwalt in Wien, vertrat früher die SPÖ und vertritt seit einigen Jahren in die Israelitische Kultusgemeinde in rechtlichen Angelegenheiten. Zudem ist Lansky Präsident der österreichisch-israelischen Handelskammer.

Lanskys Eltern waren jeweils in zweiter Ehe, da beide ihre vorigen Ehepartner im KZ verloren hatten. Sie lebten nach 1945 in Prag und Jerusalem, kehrten aber 1953 nach Wien zurück.

Österreichische Verfassung, Rechtsrealität und Meinungsfreiheit

Österreich hat eine klare antifaschistische Verfassung, doch die Rechtsrealität sieht anders aus. "Die Lust der Behörden in dem Rechtsbereich sieht anders aus." Es bestehe eine "große Unlust", die Wertungen des Jahres 1947 (als ehemalige Nazis noch mit hohen Strafen verurteilt wurden) heute zu übernehmen. Der Strafrahmen für Wiederbetätigung beträgt eigentlich 10 bis 20 Jahre, doch selbst Honsik als "systematischer Rückfallstäter" bekam nur fünf Jahre, was nur bei "außerordentlichen Milderungsgründen" möglich wäre. Die Geschworenengerichte agieren zurückhaltend bei der Ausübung des Verbotsgesetzes.

Die Rücknahme des Verbotsgesetzes wäre jedenfalls "ein großer Fehler". "Natürlich ist das ein Eingriff in das Recht auf Meinungsfreiheit – allerdings: Artikel 10 der europäischen Menschenrechtskonvention gewährt dies unter dem Vorbehalt, dass die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Bewahrung der Demokratie Eingriffe gestattet." (vgl. Art. 10 MRK)

Wi(e)der die Kronen Zeitung

In den 90er-Jahren gab es einen Prozess der IKG gegen die Kronen Zeitung, wo Richard Nimmerrichter, besser bekannt als "Staberl", in einem Artikel etwas geschrieben hatte, was man wohl als die "Akutmachung eines latent vorhandenen Antisemitismus" bezeichnen könnte. Seit 2004 kann man das auch noch konkreter benennen: Staberl schrieb etwas in der Krone, was "antisemitische und rassistische Untertöne" hatte. Konkret war es ein Artikel, in welchem Staberl "Ausschwitz leugnete, ohne es in einem Wort zu erwähnen". Im Verlauf des Prozesses wurde eine Inhaltsanalyse des Artikels vorgenommen, jedoch extra von einem Linguisten, da mit anderen Methoden die zwischen den Zeilen steckende Nachricht nicht ermittelt hätte werden können. Dadurch konnte ein Verstoß gegen das Verbotsgesetz nachgewiesen werden, doch der Prozess endete in einem Vergleich unter der Auflage einer langen Geheimhaltungsfrist, die jedoch mittlerweile abgelaufen sein dürfte.

Der Prozess, wenn er auch im Vergleich endete, führte zu einer Änderung der Blattlinie der Krone, so Lansky. Mit etwas Verzögerung wurde Staberl in die Pension geschickt, antisemitische Untertöne dürften ein wenig zurückgefahren worden sein. Vgl. auch Georg Markus, der für die Krone schrieb, was er in einem antisemitischen Umfeld wohl nicht getan hätte.

Medien und Menschenrechte

Österreich ist das meistverurteilte Land wegen Verstößen gegen die Meinungsfreiheit am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EuGhfM), so Lansky. Das Schema ist folgendes: Ein Medium bezeichnet Rechte als neonazistisch, woraufhin Rechte klagen und gewinnen, denn "Kritik an Rechten wird bestraft", so scheint es jedenfalls. Viele Urteile werden in der Folge am EuGhfM aufgehoben.

Einer der bekanntesten Fälle in dieser Sache war einer, wo Lansky den österreichischen Journalisten und Mitarbeiter des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands Karl Pfeifer vertrat. Diesem wurden für die heutige Zeit eigentlich unglaubliche Dinge vorgeworfen, nachdem er neonazistische Umtriebe eines deutschen Professors, der auch in Österreich publizierte, aufdeckte. Doch darauf möchte ich hier gar nicht näher eingehen, darüber gibt es in der Wikipedia das wichtigste nachzulesen, und in einem Dokumentar-Film über Pfeifers Leben ("Zwischen den Stühlen") kommt der Fall auch ausführlich zur Sprache. Pfeifer veröffentlicht übrigens noch heute in diversen Blogs, etwa auf juedische.at, wo er Beobachtungen der rechten Szene und über Antisemitismus und Antizionismus in Österreich (und anderswo) kundtut.

Der Anwalt der Gegenseite hieß Herbert Schaller, der regelmäßig Mandanten vertrtitt, denen Wiederbetätigung oder Verstöße gegen das Verbotsgesetz vorgeworfen werden, aber auch die FPÖ und ihre Mitglieder. Sein bekanntest Klient der jüngeren Vergangenheit: David Irving. Der Richter in diesem Fall, der Pfeifer in Österreich Recht absprach bzw. schuldig sprach, hieß Maurer. Dieser, der immer wieder in vergleichbaren Fällen vergleichbare Urteile gefällt hat, wurde unter Justizminister Böhmdörfer (FPÖ, in der Schüssel-Regierung) befördert. Lansky verbindet mit Maurer jedenfalls eine "lange Liebesbeziehung", wie er meint.

Waldheim und SPÖ

Während der Waldheim-Affäre hat die SPÖ durchaus Interesse daran gehabt, dass die Aufdeckungen über Waldheim öffentlich werden und Waldheim im Präsidentschaftswahlkampf schädigen. So habe die SPÖ dem JWC auch Informationen weitergeleitet. Doch öffentlich haben SPÖ-Politiker stets geleugnet, irgendwas mit der Waldheim-Affäre zu tun zu haben. Als sie die ÖVP auf Unterlassung klagten, ihr derartiges zu unterstellen, begingen diese SPÖ-Leute aber einen schweren Fehler. Sie behaupteten auch vor Gericht, unter Eid, weiterhin, nichts mit der Waldheim-Affäre zu tun zu haben, wurden aber letztlich überführt und acht SPÖ-Leute, so Lansky, wegen Falschaussage verurteilt. Sie hätten einfach zugeben sollen, dass sie Waldheim nicht als Präsident haben wollen. Aber das sei eben ein "typisches SPÖ-Problem", dass sie nicht klar sagen, wie zu einem Thema stehen, und stattdessen "herumwurschteln".

Wie man gegen Neonazi-Partys vorgehen kann

Ein außergewöhnlicher Fall Lanskys war jener, wo Neonazis in einem von ihnen gekauften Haus am Landstraßer Gürtel Nr. 19 (gehört mittlerweile wieder jemand anderem) wilde Feiern abhielten und auch Nazi-Parolen auf Transparenten aus dem Fenster hängten. In dem Haus befanden sich jedoch auch andere Mieter, die sich durch diese Feiern gestört und auch bedroht fühlten. Doch irgendwie gab es keine einfache Möglichkeit, dagegen vorzugehen. Als einer der Bewohner Lansky als Anwalt nahm und ihn in das Haus bat, kam es sogar zu folgender Szene: Staatspolizisten vor dem Haus verweigerten Lansky den Zutritt, obwohl er sich als Anwalt eines Bewohners ausweisen konnte und oben aus dem Fenster sein Klient auf die Straße schrie, er solle raufkommen. Die Begrüngung, warum er nicht reindürfe, war, dass es zu "seiner eigenen Sicherheit" sei. Er verlangte nun, dass sie ihm das schriftlich geben, was er dann auch bekam. Er hatte nun also schwarz auf weiß, dass die Staatspolizei es für sicherheitsgefährdend hielt, das Haus zu betreten, wenn Neonazis darin ihre Feiern halten. Damit in den Händen konnte Lansky im Namen der Mieter des Hauses den Vermieter auf Unterlassung derartiger Aktivitäten klagen. Die Mieter bekamen nun das Exekutionsrecht gegen ihre Vermieter, "die Umsetzung des Verbotsgesetzes wurde von der Polizei in die Hände der Mieter gelegt", das sei einmalig in Österreich. Die Neonazis konnten also nicht mehr viel tun in diesem Haus, um ihrem Neonazismus Ausdruck zu verleihen, und verkauften das Haus wieder.

Situation in Österreich

Wie sieht Lansky die Situation in Österreich bezüglich Rasissmus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus? Es gibt eine "dumpfe Ausländerfeindlichkeit", eine "dumpfe faschistische Grundstimmung". Das sei eine "echte Gefahr, wenn Krise stärker wird", es gibt ein "enormes faschistisches Potential", das sich "primär gegen Moslems und Türken richten" wird und "antisemitisches Gerülpse als Nebenprodukt abgeben" wird.

In Deutschland sei es eine völlig andere Situation. Da gibt es "Hardcore-Nazis" und eine "organisierte Neonazi-Szene", dafür aber "keine breite faschistische Grundstimmung".

Und wie stehen Rechtsextreme zu Israel? "Auch bei österreichischen Rechtsextremen gibt es eine Bereitschaft, anzuerkennen was der israelische Staat geleistet hat" (was an der Begeisterung für militärische Stärke liege), Zusatz: "was sie mir um nichts sympathischer macht". Israel spiele jedenfalls kaum eine Rolle bei österreichischen Antisemiten, die richten sich eher gegen die jüdische Bevölkerung, die integriert ist sowie gegen das "Weltjudentum", "jüdische Kapitalisten" usw.

10. VO – 26. Mai 2009 – Doron Rabinovici



Doron Rabinovici war der zehnte Gesprächsgast Landesmanns.

Familiäre Herkunft

Rabinovicis Vater, der aus Rumänien stammte, aber in Wien lebte, floh während des Nationalsozialismus (mit einem Zertifikat, also legal) aus Österreich nach Palästina, die Mutter, die zwar in Paris geboren wurde, aber litauische Wurzeln hatte, kehrte nach Vilna zurück (die Beiden kannten sich damals noch nicht, Doron wurde ja erst 1961 geboren).

Litauen, und damit auch die Hauptstadt Vilna, die über einen großen jüdischen Bevölkerungsanteil verfügte und ein Zentrum jiddischer Kultur im Osten war, wurde jedoch während des Kriegs von den Nazis eingenommen, die jüdische Bevölkerung kam zu einem großen Teil ums Leben. Nicht so jedoch Rabinovicis Mutter. Sie entging ihrem Tod mehrmals durch unglaubliches Glück. Zuerst weigerte sie sich, an einem Marsch, der offensichtlich in den Tod führte, teilzunehmen. Sie blieb gemeinsam mit drei anderen Frauen zurück und hätte erschossen werden sollen. Doch der Soldat, der dies tun hätte sollen, war alleine und führte den Befehl nicht aus. Es geschah dies offenbar bereits in den letzten Momenten vor dem sowjetischen Einmarsch, da der Soldat und die drei Frauen bei der Befreiung noch immer zusammen waren. Als die Sowjets seine deutsche Uniform sahen, wurde er augenblicklich erschossen, die Frauen entkamen. Nun war ihr Leben abermals vom Tode bedroht – irgendwo in Polen gestrandet, drohte ihnen nun das verhungern, da ihnen die Dorfbevölkerungen ihre Hilfe verweigerten. Ausgerechnet sowjetische Soldaten bemerkten ihr Leid und zwangen die Dorfbevölkerung durch Bedrohung, sich um die Frauen zu kümmern – andernfalls würde etwas geschehen, wenn die Soldaten das nächste Mal das Dorf passieren, und die Frauen nicht mehr am Leben seien – so erzählte Doron Rabinovici.

Anfang der 50er-Jahre emigrierte Dorons Mutter schließlich nach Israel, wo sie dann ihren zukünftigen Mann und Vater Dorons kennen gelernt haben dürfte.

Einwanderung bzw. Rückkehr nach Österreich

1961 kam Doron Rabinovici in Tel Aviv zur Welt. Drei Jahre später entschloss sich die junge Familie, Israel zu verlassen – natürlich nur "vorübergehend". Offenbar kam für die (vorübergehende) Auswanderung nur ein deutschsprachiges Land infrage, denn da für die Mutter Deutschland als (ehemaliger) "Nazi-Staat" nicht infrage kam, fiel die zweite Wahl auf Österreich, das man, wie Österreich sich selbst auch, eher als Opfer des Nationalsozialismus denn als Mittäter betrachtete.

Die Übersiedelung nach Wien 1964 erfolgte nach dem Murer-Prozess, bei dem Rabinovicis Mutter als Zeugin vorgesehen war. Franz Murer war ein österreichischer Nationalsozialist und Kriegsverbrecher, der als "Schlächter von Vilna" bekannt wurde, da er für die Beseititung der jüdischen Bevölkerung Vilnas, der Heimatstadt Dorons Familie mütterlicherseits, zuständig war. Murer lebte, nachdem ihn die Sowjetunion, wo er zu Zwangsarbeit verurteilt wurde, an Österreich ausgeliefert hatte, in der Steiermark, wo er als ÖVP-Politiker auf Bezirksebene rasch eine neue Karriere machte. 1962 kam es auf Bemühen Simon Wiesenthals dann doch noch zu einem Prozess in Österreich gegen Murer, der das gesamte österreichische Justizsystem der Lächerlichkeit preisgab. Die gesamte Familie Murer verhöhnte vor Gericht die Opfer und Zeugen, geduldet und unterstützt vom Gericht, dass die Glaubwürdigkeit der Zeugen dadurch anzweifelte, dass im unmittelbaren Moment, in dem Murer jemanden aus nächster Nähe mit Kopfschuss getötet hat, die Zeugen die Augen kurz schlossen – es kam natürlich zu einem Freispruch, wie in fast allen Prozessen gegen Kriegsverbrecher in Österreich nach 1947. Der Murer-Prozess, so Rabinovici, hat ihn über Schilderungen seiner Mutter "durchaus geprägt".

Der eigentliche Grund für die "vorübergehende" Auswanderung nach Österreich war allerdings das Import-/Export-Geschäft des Vaters – Wien schien dafür bestens geeignet, und in unglobalisierten Zeiten ohne Internet, Handys und freien Handel, wie ihn die EU später ermöglichte, waren persönliche Kontakte für den Handel, der durch den eisernen Vorhang und die Ost-West-Grenzen zusätzlich erschwert wurde, unabdingbare Voraussetzungen für ein erfolgreiches Unternehmertum im Import- und Exportgeschäft. Diese Voraussetzungen brachte Vater Rabinocivi mit, und das Geschäft lief gut. So gut, dass man nach zwei Jahren meinte, man bleibe doch noch eine Weile, damit der Junge hier noch seine Matura abschließen kann. Eine Rückkehr war aber nach wie vor vorgesehen, denn die Ansicht, dass man als Jude nicht in Österreich leben könne, war auch bei den Rabinovicis vertreten. Die Zeit verging jedoch wie im Flug, und die Familie schlug allmählich Wurzeln in Österreich.

Jugend und Politisierung

Zuhause wurde viel über Politik und Israel gesprochen. So wurde Rabinovici früh politisiert. Er wurde Mitglied bei Hashomer Hatzair, der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung, die damals auch ein "unglaublich künstlerischer Ort" gewesen sei – man hat dort viel gezeichnet, viel geschrieben. Politisch sah der Shomer vor, dass der Klassenkampf für Juden nur in einem eigenen jüdischen Staat möglich und anstrebenswert sei, da in anderen, nicht-jüdischen Gesellschaften, die Arbeiterklasse antisemitisch eingestellt sei und eine Verbündung daher nicht möglich sei. Dies traf auf Österreich nach 1945 auch eindeutig zu. In den 70ern, Rabinovicis Jugend, war es für linke Juden nicht möglich, Teil der linken Szene Österreichs zu sein. Und in den 80ern, bei einer Demonstration gegen den Rechtsextremisten Norbert Burger, wurden die Shomerniks, die mit einer israelisch-zionistischen Fahne an der Demo teilnahmen, von Josef Cap persönlich (damals Vorsitzender der sozialistischen Jugend) gebeten, die Fahne wegzunehmen. Als einige der Mitglieder sich jedoch weigerten, und zumindest am hinteren Ende des Demozuges mit der Fahne gehen wollten, wurde dem Träger der Fahne am Weg dorthin, als er bei den Maoisten vorbeikam, die Fahne aus der Hand gerissen, ihm auf den Rücken geschlagen und dann zerrissen. Für viele Linke galt damals, wie zum Teil sicher auch noch heute, dass Zionismus Rassismus sei, wegen den Folgen, die Zionismus für die Palästinenser hat. So weit die Ausführungen Rabinovicis über diese Zeit, denen er noch hinzufügt, dass der Shomer schon damals für Rechte für die Palästinenser eingetreten sei und eine Zwei-Staaten-Lösung befürwortete.

Weiters wurde Rabinovici von Landesmann auf den Zionismus angesprochen, wie es denn mit dem Zionismus in Israel aussehe. Es folgte eine Ausführung darüber, wie die zionistische Rechte in Israel an Macht gewann, und was sie von anderen zionistischen Richtungen unterscheidet. Etwa, dass sich rechte Zionisten selbst als "Revisionisten" bezeichnen und dass sie vor allem nach 1967, nach dem 6-Tage-Krieg, stark an Popularität gewonnen hätten. Näher möchte ich darauf aber nicht eingehen, da dies weder mit Rabinovici noch mit Österreich zu tun hat; am ehesten dienen diese Informationen noch zur Abgrenzung des rechten Zionisus von jenem linken Zionismus der Shomer.

Auch die Wiener IKG war kurz Gesprächsthema – doch darüber hat uns Ariel Muzicant bereits ausführlich informiert, über die Abkehr von der Parteipolitik in den 80ern hin zu einer pragmatischen Politik. Rabinovivici meinte ebenfalls, dass das rechte zionistische Lager in Wien "verbürgerlicht" und weniger radikal als früher sei, sowie dass die IKG-Politik insgesamt weniger ideologisch, denn pragmatisch geworden sei.

Bedeutung Waldheims für die jüdische Identität in Österreich

Obwohl die Familie ja bereits um viele Jahre länger in Wien geblieben war, als ursprünglich geplant, übernahm auch Doron Rabinovici die Ansicht seiner Eltern, dass man früher oder später nach Israel zurückkehren werde. Die Atmosphäre in Österreich war ja nach wie vor jene, dass man sich der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit verweigerte und sich weiterhin als "erstes Opfer Hitlers" stilisierte. Antisemitismus war, wie ja auch Rabinovici zu berichten wusste, selbst bei den Linken salonfähig. Insgesamt jedenfalls keine einfachen Rahmenbedingungen, um sich als Jude mit Österreich zu identifizieren. Doch dann, so Rabinovici, "passierte etwas ganz merkwürdiges" : Die Waldheim-Affäre erfasste die gesamte österreichische Gesellschaft: plötzlich wurde diskutiert: War Österreich wirklich das erste Opfer? Waren 1938 wirklich alle für den "Anschluss"? Trägt Österreich Mitschuld am Nationalsozialismus bzw. am Holocaust? Wie sieht es heute mit dem Antisemitismus hierzulande aus?

Dem zuvor ging 1965 auf der Wiener Wirtschaftsuniversität die Auseinandersetzungen um Professor Taras Borodajkewycz, der durch offen antisemitischen Unterricht für Aufsehen sorgte. Das Unterrichtsministerium weigerte sich, diesen Vorwürfen nachzugehen oder Borodajkewycz gar zu entlassen, also kam es zu Demonstrationen, in dessen Verlauf der Antifaschist Ernst Kirchweger von einem Mitglied des Rings Freiheitlicher Studenten erschlagen wurde. Dieser gewaltsame Tod, der das erste politische Todesopfer der zweiten Republik darstellt, sorgte für Aufsehen in der österreichischen Gesellschaft und sorgte für Umdenken und Sensibilisierung bei Teilen der Bevölkerung.

Auch in anderen Ländern befasste man sich in dieser Ära vermehrt mit der kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit: Die Rolle der Résistance und des Vichy-Regimes in Frankreich, die Verantwortung der Schweiz mit ihrer restriktiven Visa-Politik und den fragwürdigen Geschäften der Banken – und in Österreich war eben die Rolle Waldheims als Mitglied einer SS-Reiterstaffel am Balkan der Anlass, die Öffentlichkeit zur Beschäftigung und Aufarbeitung mit der österreichischen NS-Vergangenheit zu zwingen. Jede/r musste Farbe bekennen: Ist man für oder gegen Waldheim? Warum? Warum nicht? – schließlich waren Wahlen, die Affäre und die politischen Kampagnen der zur Wahl stehenden drehten sich um dieses Thema. Die ÖVP entschied sich, nicht nachzugeben, und plakatierte mit "Jetzt erst recht!". Die Kronen Zeitung, nie verlegen um politische Einflussnahme, lancierte ebenfalls eine Kampagne zur Unterstützung Waldheims und argumentierte wie Waldheim, dass das ganze eine Art Verschwörung des World Jewish Congress sei (WJC) (auf die Rolle der Krone bei der Wahl Waldheims wies nicht nur Rabinovici hin, auch aktuell, da Dichand die beiden Prölls als Bundeskanzler und Bundespräsident wünscht, weist etwa Standard-Chefredakteurin Föderl-Schmid auf frühere Einflussnahmen der Krone hin: "Ohne Dichands Unterstützung wäre Kurt Waldheimt ('jetzt erst recht') nicht Bundespräsident geworden und hätte Jörg Haider nicht diese Wirkung in Österreich entfalten können" Kommentar v. A. Föderl-Schmid, Der Standard, SA/SO, 20./21. Juni 2009, S. 36)

Es formierten sich Protestgruppen, und bisher getrennt voneinander agierende linke Gruppierungen, die schon gegen Murer protestiert hatten, fanden durch den gemeinsamen "Gegner" näher zueinander. Waldheims Aussage, "Ich habe nur meine Pflicht getan" – eine Aussage, die, so Rabinovici, "noch vor kurzem unbemerkt stattgefunden hätte" – sorgte plötzlich für Aufsehen.

Und im Zuge all dieser Veränderungen, des Aufbrechens von Krusten, fand auch Rabinovici seinen Platz in der österreichischen Gesellschaft: "Kurt Waldheim machte mich zum Österreicher!"

Nachwirkung der Waldheim-Affäre

Die Folgen der Waldheim-Affäre waren nicht nur positiv, wie man aufgrund der Bewusstseinsbildung und ernsthafteren Bemühungen um die Vergangenheitsbewältigung und Aufklärung annehmen könnte. Diese Zwiespältigkeit wurde auch schon von einzelnen anderen Teilnehmern an dieser Gesprächsreihe dargestellt. So fand auch Rabinovici, dass dieser große Konflikt zwischen links und rechts rund um Waldheim letztlich den Aufstieg eines Jörg Haider gefördert habe, dass die FPÖ dadurch radikaler wurde.

Über Kreisky

An den Wahlkampf zwischen Bruno Kreisky und Josef Klaus denkend, fällt Rabinovici ein, dass Klaus mit "ein echter Österreicher" plakatierte, insinuierend, Kreisky sei kein "echter Österreicher". Das Judentum, bzw. das Ansprechen antisemitischer Gedanken in den Köpfen der Österreicher, spielte bei dieser Wahl also eine sehr bewusste Rolle. Dass Kreisky dennoch gewann, obwohl die ÖVP ihn indirekt ja als "unechten Österreicher" diffamierte und Antisemitismus in Österreich, wie vielfach belegt ist, damals (und vermutlich, vielleicht in etwas geringerem Ausmaß auch noch heute) salonfähig und gesellschaftlich "anerkannt" war, brachte Landesmann zu der Frage an Rabinovici, wieso Kreisky dann seiner Meinung nach "als Jude" dennoch gewählt werden konnte. Rabinovici: "Er war ein überragender, wunderbarer Außenminister", ein "sehr guter sozialdemokratischer Politiker". Auch Antisemiten konnten Kreisky wählen, da er antisemitisch agierte. Er transportierte offenbar, so Rabinovici, ebenfalls die Vorstellung, dass Österreich dass erste Opfer Nazi-Deutschlands gewesen sei, womit er, in Verknüpfung mit dem Bewusstsein in der Bevölkerung, dass er Jude ist, folgenden Gedankensprung bei den (antisemitischen) Rezipienten erzeugte: "Er muss es ja wissen" (als Österreicher und Jude Österreich als erstes Opfer NS-Deutschlands zu betrachten).

Folgende weitere Beispiele über Kreiskys Umgang mit seiner jüdischen Identität brachte Rabinovici:
- Bei einem Treffen mit Israelis (ich weiß nicht mehr genau, was für ein Treffen das war, vermutlich mit Regierungsvertretern, Botschafter usw.) soll Kreisky gleich zu Beginn "klar gestellt" haben: "1., dass das klar ist, ich bin kein Jude, völkisch gesehen. Juden sind kein Volk" (vermutlich nicht wortwörtlich, aber sinngemäß). Ein deutscher sozialdemokratischer Politiker soll darauf geantwortet haben (wieder sinngemäß, so wie es Rabinovici wiedergegeben hat): "Ok, ich nehme zur Kenntnis, dass Juden kein Volk sind – aber wenn ich gefragt werde, wer der größte jüdische Politiker ist, sage ich Kreisky" Dem wollte Kreisky natürlich nicht widersprechen, und so reagierte, wie es offenbar in vielen Situationen, bei vielen Gelegenheiten Kreiskys Art war, mit einem Witz (vgl. Erich Lessing, der Kreisky persönlich kannte und ihn als "sehr guten Witzeerzähler" bezeichnete). Diesen Witz konnte ich natürlich nicht Wort für Wort mitschreiben, und er wird hier schriftlich sicher nicht dieselbe Wirkung entfalten, als wenn ihn Kreisky erzählt hätte oder Rabinovici, der diesen Witz ja wiedergegeben hat, erzählt, aber sinngemäß soll er hier natürlich trotzdem erwähnt werden:
- Ein orthodoxer Jude aus der Leopoldstadt, mit Kaftan und vollem Bart, wird 1938 beim Überqueren der Urania-Brücke von einem Polizisten angehalten: "Gehn's da besser ned rüber, da werden g'rad Juden gepiesackt". Darauf der orthodoxe Jude: "Danke Herr Inspektor, aber ich werd mich ned zum derkennen geben"
(Wer den Witz kennt und ihn korrekt wiedergeben kann, ist herzlich eingeladen, ein Kommentar zu hinterlassen; Ich will mich schließlich nicht in Salcia Landmanns Fußstapfen begeben, die sich als Bewahrerin des jüdischen Humors und Witzes verstand, aber in ihren Büchern, so Torberg, der sich heftig darüber empörte und ihre Bücher komplett verriß, die Witze derart entstellte, dass sie weder als "typisch jüdisch" noch als lustig empfunden werden konnten.)

Aber wieder zurück zu Kreiskys Innenpolitik. Warum koalierte Kreisky überhaupt mit der FPÖ? Naheliegend und richtig ist natürlich, um den ewigen Proporz-Eiertanz mit der ÖVP zu umgehen, und den ständigen Machtkampf der beiden Großparteien mit einem Tabubruch umging, nämlich einer Koalition mit der FPÖ, die bis dahin als Regierungspartner von beiden Parteien offenbar kategorisch ausgeschlossen war. Die FPÖ gab sich Kreisky aber nur unter der Bedingung her, dass eine Wahlreform statt findet, was Kreisky auch realisierte. SPÖ und FPÖ arbeiteten nun gegen ÖVP-"Erbfolgen" im Land.

Danach folgte wieder eine große Koaltion, Vranitzky beendete die Koaltion mit der FPÖ. Mit der Übernahme der ÖVP durch Wolfgang Schüssel war, so Rabinovici, erkennbar, dass sich die ÖVP an dem damaligen Tabubruch der SPÖ rächen will, sprich, dass sich die ÖVP eine Zusammenarbeit mit der FPÖ offen hält. Es kam also 1999/2000 wie es kommen musste: die ÖVP koaliert mit der FPÖ.

Warum dann 2000 so eine Empörung über die ÖVP-Koalition mit der FPÖ? "2000 wars anders", so Rabinovici. Die FPÖ unter Jörg Haider war viel rechter als damals unter Peter. Haider, so Rabinovici, war eine Personalunion aus der Personen:
1) "Aggression gegen parlamentarische Werte", gegen Verfassungsgerichtshof, gegen IKG usw.
2) Relativierung der Vergangenheit, "Aggression der Erinnerung"
3) Rassismus

Schüssel dachte, durch Einbindung der FPÖ in die Regierung diese entschärfen zu können. Das funktionierte aber nur kurzfristig, hinterließ aber langfristige Schäden und bei der übernächsten Wahl erreichte die FPÖ wieder annähernd die selben Ergebnisse wie bei der Wahl 1999 - mittlerweile, zusammen mit dem BZÖ, sogar noch mehr.

Tücken des Verbotsgesetzes

Nochmals die Kronen Zeitung. Als Rabinovici einmal ein Gespräch (Interview?) mit Helmut Zilk führte, der den JWC als "Geiselnehmer Österreichs" bezeichnet haben soll, dachte Rabinovici zuerst daran, Zilk habe unüberlegt die Argumentation der Kronen Zeitung übernommen. Als er dies Zilk vorwarf, stand Zilk jedoch zu dieser Aussage, die seine eigene Meinung wiedergebe. Im Verlauf dieses Gesprächs (ich weiß nicht, ob es schriftlich oder mündlich, zu welchem Anlass und in welchem Medium das gewesen sein soll), soll Rabinovici jedenfalls beiläufig gesagt haben, dass die Kronen Zeitung antisemitisch sei.

Daraufhin klagte ihn die Krone (wohl wegen übler Nachrede oder Unterstellung einer Straftat oder so... wegen des Verbotsgesetzes ist der Vorwurf an jemanden, dass er antisemitisch sei, bereits der Vorwurf einer Straftat ... oder so ähnlich), zumindest wollte sie das. Der erste Anwaltsbrief ging an irgendeinen Studenten, der offenbar einen ähnlichen Namen hatte. Es kam tatsächlich zur Gerichtsverhandlung, die aber verständlicherweise gleich nach dem ersten Zusammentreffen abgebrochen wurde, da die Vorwürfe gegen den Studenten sich rasch als haltlos erwiesen. Die Krone ließ sich dadurch nicht unterkriegen und klagte erneut. Beklagter diesmal: Rabinovicis Vater. Dieser konnte aber gar nicht erst vor Gericht erscheinen, da er längst verstorben ist.

Dritter Versuch, und siehe da, sie haben es doch noch geschafft, Doron Rabinovicis Namen richtig zu schreiben und zu erreichen. Da im Falle einer Verurteilung Rabinovici natürlich mit allen schriftstellerischen Mitteln darauf aufmerskam gemacht hätte, insbesondere auf die Pannen bei der Anklage, dürfte die Krone zu einem außergerichtlichen Vergleich bereit gewesen sein, so habe ich es zumindest verstanden. Man einigte sich darauf, dass Rabinovici der Krone nicht mehr unterstellt, dass sie antisemitisch sei. Was er jedoch darf, sei zu sagen und zu schreiben, dass die Kronen Zeitung "latent vorhandenen Antisemitismus akut macht".

Wie man an diesem Beispiel sieht, schränkt das Verbotsgesetz nicht nur jene ein, die (öffentlich) antisemitisch oder hetzerisch auftreten (wollen), sondern auch jene, die solchen Personen Antisemitismus und Rassismus vorwerfen. Wenn dies nämlich nicht bewiesen werden kann, ist das der strafbare Tatbestand, jemandem eine strafbare Handlung zu unterstellen (juristisch korrekter kann ich das leider nicht definieren, da müsst ihr woanders nachschauen).

Dienstag, 9. Juni 2009

9. VO – 19. Mai 2009 – Arik Brauer



Kindheit und Jugend

Arik Brauer wurde 1929 in Wien geboren. Sein Vater stammte aus Litauen und lebte in Wien, Ottakring, als Schuhmacher. Seine Mutter half im Betrieb mit. Als die Nationalsozialisten 1938 Österreich "anschlossen", wurde Brauers Vater verschleppt und in einem KZ ermordet.

Sein Vater "glaubte an die deutsche Kultur". Er kannte alle Schiller-Balladen auswendig, er glaubte nicht, "dass Nazis so grausam sein können." Er dachte, das all das, was nach dem Anschluss geschah, rasch vorbeigehen müsse, dass dies unkontrollierte Auswüchse seien, die die neuen Machthaber, die Nazis, rasch abstellen würden. Er irrte sich. Die Nazis "haben ihn zu Seife gemacht." (Zitat: Brauer)

Arik selbst und seine Mutter überlebten – mehr oder weniger versteckt – in Wien. Aus ihrer Wohnung wurden sie rausgeschmissen, der Schuhmacher-Betrieb arisiert. Der neue Eigentümer stellte jedoch Ariks Mutter verbotenerweise wieder an, was der Familie letztlich das überleben in Wien ermöglichte. Denn allein mit Essensmarken, die den Juden in Wien zugeteilt wurden, konnte man, so Brauer, nicht lange überleben.

Nationalsozialismus in Wien

Arik Brauer verbrachte also die gesamte NS-Zeit in Wien. Anfangs wurde er noch ab und zu schikaniert, doch sobald er den gelben Davidstern gut sichtbar an der Kleidung tragen musste, ließen ihn die Leute weitgehend in Ruhe, machten eher einen Bogen um ihn. Das war den Leuten dann doch "zu steil", "so mittelalterlich", meinte Brauer. Diese "Brandmarkung" sollte sicherstellen, dass Juden sofort erkannt werden und nirgends hingelangten, wo sie nicht hindurften – was so ziemlich alles war, vom Straßenbahnfahren über den Schulbesuch bis zum Einkaufen oder dem Kinobesuch (sofern man überhaupt noch Geld gehabt hätte). Allerdings erkennt man, trotz aller Klischees, einen Juden nicht unbedingt am Aussehen. Und abgesehen davon sah Brauer auch nicht besonders "jüdisch" aus. Also zog er seine Jacke, auf der der Davidstern befestigt war, einfach verkehrt an, wenn er als Kind, das ja mangels Schulbesuch nicht viel zu tun hatte den ganzen Tag, irgendwo hinging, wo er eigentlich nicht hindurfte. Etwa, wenn er ins Kino ging.

Ob die Wiener wussten, was mit den Juden geschieht, die weggebracht werden? Laut Brauer ja, zumindest einen Teil der Wahrheit. Man wusste, dass die Juden nach Theresienstadt und Auschwitz gebracht werden, man wusste, dass es dort "schrecklich zugeht". Aber wie schrecklich, das wusste man nicht unbedingt – oder man konnte es nicht glauben. Man sagte zwar mitunter, "die werden vergast", aber es konnte wohl kaum jemand glauben. Wobei, so Brauer, die nicht-jüdische Bevölkerung gewusst haben soll, dass jedenfalls "Schwachsinnige" vergast werden.

Als Wien schon so gut wie "judenfrei" war, entwickelte sich in den für den "Judentransport" zuständigen Stellen eine gewisse Eigendynamik. Denn die Soldaten wussten: Sobald der letzte Jude aus Wien gebracht wurde, ist ihre Stelle überflüssig und sie werden an die Front versetzt – und das wollte kaum jemand; je länger der Krieg fortlief, umso weniger; denn umso mehr wusste man von der harten Frontrealität.

Also begannen die Wiener Stellen (und vermutlich nicht nur die Wiener), die "Restjuden" hin- und herzuschicken. Man wollte sie "behalten", damit man "was zu tun" hat – um sein eigenes Leben nicht an der Ostfront dem wahrscheinlichen Tod zuzuführen.

Nach 1945: Israel, Paris und wieder Wien

Ob er nach 1945 ein Problem gehabt habe, in Österreich weiterzuleben? Jeder, dem man die Hand gibt, könnte ja ein "Judenschlächter" gewesen sein! – Nein. Sowas kennt er nicht. "Jeder Mensch ist eine eigene Welt". Sowas verallgemeinert er nicht.

Er studierte nach dem Krieg so bald wie möglich (er musste wohl noch die Matura nachholen) und schloss sich der KPÖ an – der er jedoch bald enttäuscht den Rücken kehrte. Bis 1951 studierte er an der Akademie der bildenden Künste Malerei, wo er unter anderem mit Ernst Fuchs die Schule des Phantastischen Realismus mitbegründete, und von 1947 bis 1951 studierte er auch Geige an der Musikschule. Anschließend, bis 1954, reiste er mit dem Fahrrad durch Europa und Afrika.

Anschließend ging Brauer nach Israel, wo er eine Sängerin kennen lernte und heiratete. Die beiden zogen nach Paris, da es als "Zentrum der Kunst" galt und Wien für einen Künstler damals langweilig war – nix los, "wie in Bratislava". In Paris trat er mit seiner Frau als Gesangsduo auf, er sorgte auch für die musikalische Begleitung. Die Beiden pendelten nun halbjährlich zwischen Israel und Paris. Brauer kümmerte sich aber vor allem um die Malerei, doch nach ersten Ausstellungen kehrte er mit seiner Frau nach Wien zurück. "Heimaterde ist Heimaterde", "das Leben in Wien ist schöner als in Paris. Paris ist ein harter Boden" – es sei "sehr schwer, eine Wohnung oder Atelier zu finden" – in Wien, im Dritten, hatte er hingegen gleich was passendes gefunden.

Antisemitismus, Restitutionsfrage, Erinnern, Waldheim

Wenn ihm gegenüber jemand antisemitische Äußerungen macht, ist ihm das "wurscht". Denn das ist "sein Problem", das Problem desjenigen, der dies tut. "Ich habe keine Angst." (Brauer)

Es stört ihn natürlich schon, wenn Politik und Medien antisemitisch agieren, aber "das ist überall so. 10 % der Menschen in jedem Land sehen die Welt so." Diesbezüglich erinnert er sich an den österreichischen Innenminister Oskar Helmer, der, das ist protokollarisch festgehalten, zur Restitutionsfrage die Aussage "Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen" von sich gegeben hat, und, so Brauer, sinngemäß gemeint hat: "wart' ma bis sie sterben". So etwas sei natürlich sehr ärgerlich und unmoralisch.

Doch die dritte Generation hat die Restitutions-Sache dann endlich "in die Hand genommen – besser spät, als nie."

Und was den Holocaust, die Shoa, betrifft, und die Frage, ob denn so etwas wieder geschehen könne: Der Holocaust war das größte Verbrechen der Geschichte – aber auch das erste, das aufgearbeitet wurde und wird.

Auch über Waldheim gabs nicht viel zu sagen, was wir nicht bereits wüssten. "Da ham's a wengal die falsche Sau g'schlachtet", fiel Brauer dazu ein. Bei Peter wäre es treffender gewesen [die große Empörung usw.]. Aber Waldheim habe sich falsch verhalten: "nix g'sehn, nix g'hört, nur Befehle ausgeführt".

zu Strache, FPÖ und Rechtsextremismus heute

Was unterscheidet das Österreich von heute vom Österreich von 1938? "Damals waren Nazis teils die Elite – 80 % der Lehrer usw." (Brauer) – "heute muss man Nazis suchen, im Wirtshaus." Die FPÖ wendet sich an die "ungebildete Schicht, die nichts, oder bestenfalls Krone lesen."

30 % der FPÖ-Wähler, so Brauer, seien nicht Faschisten oder Antisemiten – das sind Leute, die Probleme mit der Einwanderung haben: "Ich kann mir schon vorstellen, wie das für eine Pensionistin im 15. Bezirk ist: die traut sich nicht die Stiege owigehn!" (Brauer) [Wo die übrigen 70 % der Wähler einzuordnen wären, dazu ist es im Gesprächsverlauf nicht mehr gekommen.]

Israel, Gaza

"Was Israel macht, regiert, is schlecht – das kann man sagen. Aber was Israel machen sollte, weiß niemand – irgendwas muss man machen." Und wie umgehen mit den palästinensischen Gebieten? Brauer, sinngemäß: Die Zwei-Staaten-Lösung wird das einzige sein, was infrage kommt. Voraussetzung ist allerdings, dass die Regierung in Palästina [also die palästinensische Regierung der palästinensischen Gebiete] die Kontrolle über Land und Bevölkerung hat.

Dienstag, 12. Mai 2009

8. VO – 12. Mai 2009 – Erich Lessing

Kindheit und Jugend

Erich Lessing wurde 1923 in Wien geboren. Er war Mitglied der Sozialistischen Jugend, die ab 1934, im austrofaschistischen Ständestaat, illegalisiert war. Das Verhältnis zwischen illegalen Sozialisten und Ständestaatlern war aber dennoch besser als etwa zwischen illegalen "Hakenkreuzlern" und Sozialisten. Lessing beherrscht noch heute, wie er stolz erzählte, die Technik, aus auf Hauswänden und Mauern gemalten Hakenkreuzen ein "verkehrtes" SDAP zu zeichnen - und zwar mit den Händen hinter dem Rücken.

Von der Politik des Ständestaats war seine Familie direkt betroffen, und zwar aufgrund des sogenannten "Doppelverdienergesetzes". Dieses besagte, dass in Ehepaaren, in denen beide Partner berufstätig sind, einer auf die Ausübung seines Berufes verzichten musste. Sein Vater war Zahnarzt, die Mutter Konzertpianistin. Wer von den beiden nun den Beruf aufgeben musste, weiß ich leider nicht mehr. Diese Methode der "Bekämpfung der Arbeitslosigkeit" im Ständestaat schlug sich direkt auf das Haushaltseinkommen der Lessings durch.

Seine Eltern beschrieb Lessing als "überzeugte Juden". Jüdische Traditionen, Bräuche, Feste wurden eingehalten, gelebt, jedoch nicht orthodox. Man feierte Hanukkah, Bar Mizwa, Sukkot usw. Lessing trat als Kind auch der Schwimmsektion der Hakoah bei. Der Religionsunterricht in der Schule sah so aus, dass alle jüdischen Kinder des Gymnasiums in einer Klasse gemeinsam unterrichtet wurden. Zumindest ab 1936 war dies allerdings mehr Unterricht in jüdischer Geschichte, als religiöser oder zionistischer Unterricht, da der Lehrer eigentlich Mathematiker war, der aus irgendwelchen Gründen nicht Mathematik unterrichten durfte.

Nach dem Anschluss 1938 wurden alle jüdischen Gymnasiasten des 7., 8. und 9. Bezirks zum Religionsunterricht (oder generell?) im RG 8 in der Albertgasse zusammengefasst. Allerdings auch nur vorübergehend, denn bald darauf wurde Juden der Schulbesuch verboten. Bis zur Ausreise 1939 wurden Lessing allerdings noch einige Steine in den Weg gelegt.

Nach dem Anschluss: Trennung von der Familie, Flucht nach Haifa

Dass die Familie auswandern sollte, war vermutlich erst nach dem Novemberpogrom 1938 allen so richtig klar. Denn erst Ende 1938 begannen Lessings Anstrengungen, aus Wien auszureisen. Zu diesem Zeitpunkt machten es die Nationalsozialisten Ausreisewilligen aber schon ungleich schwerer, als in den ersten Monaten nach dem Anschluss. Nach dem Novemberpogrom wurde schlagartig alles anders, alles schlimmer. Persönliche Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden, im Fall der Familie Lessing etwa, wenn es um einen amtlichen Stempel für irgendwelche Dokumente ging (konkret: Bei Adolf Brunner - nicht ident mit dem Kriegsverbrecher Adolf Brunner - der in der Prinz-Eugen-Straße offenbar wichtige Stempel verteilte und irgendwie mit den Lessings bekannt war, wodurch das ganze reibungslos und rasch, ohne Schikanen, vonstatten ging), funktionierten spätestens ab 1939 nicht mehr, da wohl keine Kulanz, keine Ausnahmen mehr geduldet wurden. Auch bei der Gauleitung war nach dem Novemberpogrom eine Radikalisierung bemerkbar, so Lessing. Denn während des Pogroms machte sich diese noch Sorgen, dass "so viel" zerstört wird (wohl vor allem in Bezug auf Geschäfte oder Wohnungen und weniger wegen der Synagogen), wenig später war es schon egal, was im Zuge der Judenverfolgung alles zerstört wird.

Dass Lessing ein Jahr warten musste, bis er legal auswandern konnte, ist jedenfalls Schikanen der Nazi-Bürokratie zu verdanken. Denn für einen gültigen Pass benötigte man zwei gültige Dokumente: nämlich eines über die "Judenvermögensabgabe" und ein anderes, dass man keine Schulden hinterlässt (wenn ich das richtig verstanden habe). Beide Dokumente galten jedoch nur 14 Tage, aber die Wartezeit für das zweite Dokument (das man offenbar erst bekommen konnte, wenn das erste vorgelegt wurde), betrug mindestens so lange, als dass das erste Dokument bereits wieder abgelaufen war. Man hatte also, so Lessing, nie zwei gültige Dokumente gleichzeitig in der Hand und kam so nie zu seinem Pass, den man zur Ausreise benötigte. Offenbar war es dann doch wieder die Bekanntschaft mit einem Notar, Dr. Harrandt, die es Lessing ermöglichte, rechtzeitig zu seinem Pass zu kommen und Wien bei wohl einer der letzten Gelegenheiten im Dezember 1939 zu verlassen. In Lessings Fall war es, um genau zu sein, ein "Schülerzertifikat", das von der Jewish Agency ausgestellt wurde, mit dem er ausreisen konnte.

Er fuhr mit dem Zug nach Triest, von wo aus es mit der "Galilea" nach Haifa weiterging. Er fuhr alleine, denn seine Mutter wollte ihn Wien bleiben, um ihre Mutter nicht alleine zu lassen. Was mit dem Vater passierte ist mir leider entgangen, doch dürfte der diese Zeit bereits nicht mehr erlebt haben. Zudem hatte Lessing einen Onkel in Wien, der eine Mühle besaß, das Unternehmen "Brach & Lessing". Dieser hinterließ Lessing ein Legat - mehr erfuhren wir auch hiervon nicht.

Bis 1942 bekam er über das Rote Kreuz Telegramme von seiner Mutter, dann brach der Kontakt ab. Durch Recherchen seiner Tochter Hannah erfuhr er von ihrem Schicksal in den Konzentrationslagern.

Zeit in Palästina / Israel

Im damaligen Mandatsgebiet Palästina ging Lessing in einen Kibbuz, bei Beit Sha'ar, wenn ich es richtig verstanden hab (und wovon es, laut den mir möglichen Recherchen auf deutsch und englisch, zumindest zwei gibt). Es war jedenfalls "bürgerlich-zionistisch" und Lessings Aufgabe war dort, auf einem nahe gelegenen Berg auf die korrekte Teilung der Quelle zwischen drei israelischen Dörfern und einem palästinensischen Dorf aufzupassen. So saß er dort viele Stunden und verbrachte die Zeit mit lesen. Die übrige Zeit hat er Fischteiche vermessen. Den Kibbuz, zumindest jedenfalls die Teiche, gibt es heute noch, es sind sogar noch sehr viele dazugekommen. Viel gelesen hat er dann auch während seiner Zeit als Taxifahrer in Haifa (oder Tel Aviv?), wenn zu manchen Tageszeiten wenig Kundschaft da war. Mit der Fotografie ist er erst 1950 berufsmäßig in Kontakt gekommen. Seine erste Kamera hatte er zwar schon zu seiner Bar Mizwa in Wien, als er 13 war, bekommen. Doch mehr oder weniger professionell eingesetzt hat er sie erst ab seiner Zeit als Fallschirmjäger beim britischen Militär (er fotografierte aus dem Flugzeug heraus, möglicherweise sogar bei seinen Sprüngen, obwohl das ein ziemlicher "Kasten" war - einmal ist sie ihm dann bei einer unsanften Landung auch kaputt gegangen).

Rückkehr nach Österreich

Sein erster Eindruck bei der Rückkehr nach Österreich – wiederum über Triest und dann mit dem Zug nach Wien – war folgender: Bei der Passkontrolle an der österreichischen Grenze nahm der Beamte den britischen Pass von Erich Lessing zu sich, schaute ihn an, lächelte mild, gab den Pass zurück, und verschwand ebenso wortlos wie die ganze Prozedur abgelaufen ist. Das war, so Lessing, wie ein versteckter Willkommensgruß für ihn.

Auch mit der Rückkehr nach Wien, woraus er etwa 8 Jahre zuvor fliehen musste, hatte er nicht wirklich ein Problem. Er traf einige nette Leute, wie etwa den sozialdemokratischen Hausmeister von einst, wieder, was schöne Erfahrungen waren. Aber er traf auch Leute, die er aus 1938/39 unangenehm in Erinnerung hatte. Die Wohnung, in der Lessing vor der Flucht lebte, war mittlerweile von jemand anderem bewohnt. Er versuchte gar nicht, sie zurückzubekommen. Doch er suchte seine alten Möbel – und fand sie in den Geschäften der Umgebung: Beim Kohlenhändler, beim Gemüsehändler usw. Die hat er zurückbekommen – er hat sie abholen lassen, wie er sagte.

Dass er nach Österreich zurückgekehrt ist, ist im Grunde nur dem Umstand zu verdanken, dass es ungleich schwieriger war, ein Visum für Frankreich (er wollte seine Fotografie in Paris professionalisieren) zu bekommen, als mit britischem Pass ins teils britisch besetzte Österreich einzureisen. Er fragte dann bei allen Agenturen in Wien, ob sie einen Fotografen benötigen. Er konnte zwar noch nicht gut fotografieren, wie er uns erzählte, aber: "die anderen auch nicht". Er fand eine Stelle bei Associated Press, wo er auch seine spätere Frau Traudl kennenlernte - eine Christin, die später, bevor die Kinder kamen, zum Judentum übergetreten ist (musste eine Mikwe machen, sozusagen ein "Taufbad" im "Tauchbad").

Sein Höhepunkt als Fotograf – zumindest seine erfolgreichsten und bekanntesten Fotos – waren ja die Fotos vom Ungarn-Aufstand 1956. Dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war liege daran, dass er schon die ganze Zeit gespürt hat, das was passieren wird. Die Stimmung, die Spannung im Volk habe dies gezeigt. Und als die Sowjets sich nach dem Aufstand in Ungarn zurückzogen, habe er schon nicht glauben können, dass die sich das gefallen lassen. Er ist also mit dem Auto den Truppentransportern bis an die Grenze nachgefahren – und nach der Grenze waren auch schon große Lager und Panzer, die offenbar nur auf einen Einsatzbefehl warteten. Lessing kehrte also nach Budapest zurück und verkündete seine Einschätzung, die Russen würden wieder kommen. Aber niemand konnte oder wollte das glauben, bis es dann eben doch geschah. So kam es, dass Lessing offenbar der einzige Fotograf war, der Bilder von der Niederschlagung des Aufstands in Budapest liefern konnte. Noch bevor alles vorbei war, war er schon wieder in Wien, und die Fotos traten ihre Reise um die Welt an.

Lessing blieb dann jedenfalls in Österreich und ließ sich auch, obwohl eher areligiös, "brav" bei der IKG registrieren, weil "es sich gehört". Im Laufe der Jahre hat er sich auch angewohnt, "wenigstens zu den hohen Feiertagen" in die Synagoge zu gehen.



Jüdische Identität

Auch wenn sich Lessing eher als areligiös bezeichnet und, wie gerade erwähnt, sich erst später mit regelmäßigen Synagogenbesuchen anfreunden konnte, bezeichnet er sich als "überzeugter Jude". Denn: "überzeugter Jude sein hat nichts mit Religion zu tun" (Zitat Lessing).

Er erzählte auch eine Anekdote von seiner Tochter, Hannah Lessing, die als Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus eine Rede im Parlament halten sollte. Sie arbeitete an der Rede und kam dann mit folgender Frage zu ihrem Vater: Bin ich eigentlich österreichische Jüdin oder jüdische Österreicherin? Eine klare Antwort konnte ihr Erich auch nicht geben: Eigentlich beides, kommt drauf an, mit wem du sprichst. Was die Religiösität in der Familie betrifft, meint Lessing, es sei eine "schizophrene Familie": Hälfte/Hälfte. Tochter Hannah lebt eher religiös und isst koscher, die andere Tochter wiederum nicht.

Zu Israel befragt ("Wie stehst du heute zu Israel?"), musste Lessing erst mal ca. 10 Sekunden schweigen – es fiel ihm kein Wort, kein Satz ein, den er sagen sollte. Nach mehreren Versuchen, ein Wort hervorzubringen, meinte er dann jedenfalls, er, bzw. "man", mischt sich nicht in die Angelegenheit anderer Länder ein – "auch wenn man eine gewisse Affinität dazu hat". Und was den Gaza-Krieg betrifft: Israel habe aus dem Libanon-Krieg dazu gelernt, so Lessing. Denn auf beiden Seiten gab es nur sehr wenig Verluste. Israel habe versucht, sowohl unter der palästinensischen Zivilbevölkerung als auch unter den eigenen Soldaten Verluste so gut wie möglich zu vermeiden.

Zu Kreisky-Wiesenthal

Auch Erich Lessing kannte Kreisky persönlich. Er hat ihn eher positiv in Erinnerung, Kreisky sei etwa ein sehr guter Witzeerzähler gewesen. Die Kreisky-Wiesenthal-Affäre war aber auch für ihn "keines der schöneren Ereignisse" war. Der Grund für die heftige Konfrontation zwischen beiden liegt für Lessing auch darin begründet, dass beides "schwierige Persönlichkeiten" waren, die sich einfach "nicht verstehen" wollten. Kreisky habe charakterlich eher die Einstellung des assimilierten bürgerlichen Wiener Judentums der 20er-Jahre weitergetragen, wie etwa ein Otto Bauer, Victor Adler u.a. Er habe sich entschieden, ein europäischer Jude zu sein – so Lessing über Kreisky.

Interessante Aussagen machte Lessing zum Verhältnis zwischen Kreisky und Israel. So gab Kreisky ja den Forderungen der Terroristen nach, die die Auflassung des Zwischenlagers Schönau (Gemeinde Marchegg) in Österreich forderten, wo russische Juden auf die Ausreise nach Israel warteten. Die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir reiste daraufhin eigens nach Wien, um Kreisky davon abzuhalten, den Terroristen nachzugeben, und versuchte ihn zu diesem Zweck an "sein Judentum" zu erinnern. Kreisky ließ sich darauf jedoch nicht ein (sein Judentum sei in diesem Fall "bedeutungslos") und schloss das Lager trotzdem. Die Auswanderung russischer Juden aus der Sowjetunion nach Israel lief im übrigen auch weiterhin über Österreich.

Und was die Affäre Wiesenthal-Kreisky betrifft, so sei Kreiskys Aufregung über Wiesenthals Aufdeckungen und Anschuldigungen auch damit zu erklären, dass Kreisky Peter (Friedrich Peter, Vizekanzler, FPÖ) gebraucht habe, und zwar nicht nur, um Bundeskanzler zu werden. Kreisky soll auch ein Interesse gehabt haben, so Lessing, dass Peter und die FPÖ pro-israelisch gestimmt wird. Man wollte "den Liberalen" Peter dahingehend stärken und benutzen, um die FPÖ zu einer liberalen Partei zu machen. Auch Israel hat diese Interessen mitgetragen und unterstützt. So hat es etwa bei Lessing ein Essen mit dem israelischen Botschafter und Peter gegeben. Wiesenthals Anschuldigungen haben aber alle Bemühungen "konterkariert" und alles zunichte gemacht. "Hätte die Politik funktioniert, hätten wir heute kein Strache-Problem", so die äußerst interessanten Äußerungen Lessings über Kreisky, Wiesenthal, Peter und Israel.

Zu Waldheim und Antisemitismus heute

Das Verhältnis zwischen Lessing und Waldheim war "uninteressant – Waldheim war ein uninteressanter Mensch". Ob die "Kampagne" gegen Waldheim den Antisemitismus gefördert habe? "Wie man's tut is' falsch." "Totschweigen" wär auch keine bessere Lösung gewesen.

Zu den kommenden Wahlen: Die Entwicklung rund um Strache und die FPÖ sei schlimm, die kommenden Wahlen werden zeigen, "was los ist". Jedenfalls war Lessing "da Haider 10 mal lieber als der Strache; der war wenigstens Opportunist."

Und zum heutigen Antisemitismus, bzw. dem Antisemitismus generell: "Antisemitismus hat nichts mit Juden zu tun." (in Bezug darauf, dass es Antisemitismus auch in Regionen gibt, wo gar keine Juden leben oder je irgendeinen Einfluss ausgeübt hätten – Stichwort: "Antisemitismus ohne Juden"). In Vorarlberg, so Lessing, sei es 10 mal wahrscheinlicher von einem Auto überfahren zu werden, als einem Juden die Hand schütteln zu müssen.