Dienstag, 9. Juni 2009

9. VO – 19. Mai 2009 – Arik Brauer



Kindheit und Jugend

Arik Brauer wurde 1929 in Wien geboren. Sein Vater stammte aus Litauen und lebte in Wien, Ottakring, als Schuhmacher. Seine Mutter half im Betrieb mit. Als die Nationalsozialisten 1938 Österreich "anschlossen", wurde Brauers Vater verschleppt und in einem KZ ermordet.

Sein Vater "glaubte an die deutsche Kultur". Er kannte alle Schiller-Balladen auswendig, er glaubte nicht, "dass Nazis so grausam sein können." Er dachte, das all das, was nach dem Anschluss geschah, rasch vorbeigehen müsse, dass dies unkontrollierte Auswüchse seien, die die neuen Machthaber, die Nazis, rasch abstellen würden. Er irrte sich. Die Nazis "haben ihn zu Seife gemacht." (Zitat: Brauer)

Arik selbst und seine Mutter überlebten – mehr oder weniger versteckt – in Wien. Aus ihrer Wohnung wurden sie rausgeschmissen, der Schuhmacher-Betrieb arisiert. Der neue Eigentümer stellte jedoch Ariks Mutter verbotenerweise wieder an, was der Familie letztlich das überleben in Wien ermöglichte. Denn allein mit Essensmarken, die den Juden in Wien zugeteilt wurden, konnte man, so Brauer, nicht lange überleben.

Nationalsozialismus in Wien

Arik Brauer verbrachte also die gesamte NS-Zeit in Wien. Anfangs wurde er noch ab und zu schikaniert, doch sobald er den gelben Davidstern gut sichtbar an der Kleidung tragen musste, ließen ihn die Leute weitgehend in Ruhe, machten eher einen Bogen um ihn. Das war den Leuten dann doch "zu steil", "so mittelalterlich", meinte Brauer. Diese "Brandmarkung" sollte sicherstellen, dass Juden sofort erkannt werden und nirgends hingelangten, wo sie nicht hindurften – was so ziemlich alles war, vom Straßenbahnfahren über den Schulbesuch bis zum Einkaufen oder dem Kinobesuch (sofern man überhaupt noch Geld gehabt hätte). Allerdings erkennt man, trotz aller Klischees, einen Juden nicht unbedingt am Aussehen. Und abgesehen davon sah Brauer auch nicht besonders "jüdisch" aus. Also zog er seine Jacke, auf der der Davidstern befestigt war, einfach verkehrt an, wenn er als Kind, das ja mangels Schulbesuch nicht viel zu tun hatte den ganzen Tag, irgendwo hinging, wo er eigentlich nicht hindurfte. Etwa, wenn er ins Kino ging.

Ob die Wiener wussten, was mit den Juden geschieht, die weggebracht werden? Laut Brauer ja, zumindest einen Teil der Wahrheit. Man wusste, dass die Juden nach Theresienstadt und Auschwitz gebracht werden, man wusste, dass es dort "schrecklich zugeht". Aber wie schrecklich, das wusste man nicht unbedingt – oder man konnte es nicht glauben. Man sagte zwar mitunter, "die werden vergast", aber es konnte wohl kaum jemand glauben. Wobei, so Brauer, die nicht-jüdische Bevölkerung gewusst haben soll, dass jedenfalls "Schwachsinnige" vergast werden.

Als Wien schon so gut wie "judenfrei" war, entwickelte sich in den für den "Judentransport" zuständigen Stellen eine gewisse Eigendynamik. Denn die Soldaten wussten: Sobald der letzte Jude aus Wien gebracht wurde, ist ihre Stelle überflüssig und sie werden an die Front versetzt – und das wollte kaum jemand; je länger der Krieg fortlief, umso weniger; denn umso mehr wusste man von der harten Frontrealität.

Also begannen die Wiener Stellen (und vermutlich nicht nur die Wiener), die "Restjuden" hin- und herzuschicken. Man wollte sie "behalten", damit man "was zu tun" hat – um sein eigenes Leben nicht an der Ostfront dem wahrscheinlichen Tod zuzuführen.

Nach 1945: Israel, Paris und wieder Wien

Ob er nach 1945 ein Problem gehabt habe, in Österreich weiterzuleben? Jeder, dem man die Hand gibt, könnte ja ein "Judenschlächter" gewesen sein! – Nein. Sowas kennt er nicht. "Jeder Mensch ist eine eigene Welt". Sowas verallgemeinert er nicht.

Er studierte nach dem Krieg so bald wie möglich (er musste wohl noch die Matura nachholen) und schloss sich der KPÖ an – der er jedoch bald enttäuscht den Rücken kehrte. Bis 1951 studierte er an der Akademie der bildenden Künste Malerei, wo er unter anderem mit Ernst Fuchs die Schule des Phantastischen Realismus mitbegründete, und von 1947 bis 1951 studierte er auch Geige an der Musikschule. Anschließend, bis 1954, reiste er mit dem Fahrrad durch Europa und Afrika.

Anschließend ging Brauer nach Israel, wo er eine Sängerin kennen lernte und heiratete. Die beiden zogen nach Paris, da es als "Zentrum der Kunst" galt und Wien für einen Künstler damals langweilig war – nix los, "wie in Bratislava". In Paris trat er mit seiner Frau als Gesangsduo auf, er sorgte auch für die musikalische Begleitung. Die Beiden pendelten nun halbjährlich zwischen Israel und Paris. Brauer kümmerte sich aber vor allem um die Malerei, doch nach ersten Ausstellungen kehrte er mit seiner Frau nach Wien zurück. "Heimaterde ist Heimaterde", "das Leben in Wien ist schöner als in Paris. Paris ist ein harter Boden" – es sei "sehr schwer, eine Wohnung oder Atelier zu finden" – in Wien, im Dritten, hatte er hingegen gleich was passendes gefunden.

Antisemitismus, Restitutionsfrage, Erinnern, Waldheim

Wenn ihm gegenüber jemand antisemitische Äußerungen macht, ist ihm das "wurscht". Denn das ist "sein Problem", das Problem desjenigen, der dies tut. "Ich habe keine Angst." (Brauer)

Es stört ihn natürlich schon, wenn Politik und Medien antisemitisch agieren, aber "das ist überall so. 10 % der Menschen in jedem Land sehen die Welt so." Diesbezüglich erinnert er sich an den österreichischen Innenminister Oskar Helmer, der, das ist protokollarisch festgehalten, zur Restitutionsfrage die Aussage "Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen" von sich gegeben hat, und, so Brauer, sinngemäß gemeint hat: "wart' ma bis sie sterben". So etwas sei natürlich sehr ärgerlich und unmoralisch.

Doch die dritte Generation hat die Restitutions-Sache dann endlich "in die Hand genommen – besser spät, als nie."

Und was den Holocaust, die Shoa, betrifft, und die Frage, ob denn so etwas wieder geschehen könne: Der Holocaust war das größte Verbrechen der Geschichte – aber auch das erste, das aufgearbeitet wurde und wird.

Auch über Waldheim gabs nicht viel zu sagen, was wir nicht bereits wüssten. "Da ham's a wengal die falsche Sau g'schlachtet", fiel Brauer dazu ein. Bei Peter wäre es treffender gewesen [die große Empörung usw.]. Aber Waldheim habe sich falsch verhalten: "nix g'sehn, nix g'hört, nur Befehle ausgeführt".

zu Strache, FPÖ und Rechtsextremismus heute

Was unterscheidet das Österreich von heute vom Österreich von 1938? "Damals waren Nazis teils die Elite – 80 % der Lehrer usw." (Brauer) – "heute muss man Nazis suchen, im Wirtshaus." Die FPÖ wendet sich an die "ungebildete Schicht, die nichts, oder bestenfalls Krone lesen."

30 % der FPÖ-Wähler, so Brauer, seien nicht Faschisten oder Antisemiten – das sind Leute, die Probleme mit der Einwanderung haben: "Ich kann mir schon vorstellen, wie das für eine Pensionistin im 15. Bezirk ist: die traut sich nicht die Stiege owigehn!" (Brauer) [Wo die übrigen 70 % der Wähler einzuordnen wären, dazu ist es im Gesprächsverlauf nicht mehr gekommen.]

Israel, Gaza

"Was Israel macht, regiert, is schlecht – das kann man sagen. Aber was Israel machen sollte, weiß niemand – irgendwas muss man machen." Und wie umgehen mit den palästinensischen Gebieten? Brauer, sinngemäß: Die Zwei-Staaten-Lösung wird das einzige sein, was infrage kommt. Voraussetzung ist allerdings, dass die Regierung in Palästina [also die palästinensische Regierung der palästinensischen Gebiete] die Kontrolle über Land und Bevölkerung hat.

Keine Kommentare:

Kommentar posten